Es mag hier die interessante Thatsache Erwähnung finden, dass Europa die Kunst der Erzeugung von türkischen Shawls aller Wahrscheinlichkeit nach Webern verdankt, die als Soldaten in die Armee des französischen Marschalls Kleber eingereiht waren und diese Fertigkeit von indischen Gefangenen erlernten. In Wien erzeugte Bertholdi im Jahre 1812 die ersten Shawls nach türkischem Muster. Epochen des Aufschwunges und Niederganges wechselten in dieser Industrie bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit einander ab. In den Zwanziger- und Dreissigerjahren bildet die Erzeugung der Shawls den interessantesten Zweig der exportfähigen Wiener Luxus-Industrie, welche mit dem Auslande bald in Concurrenz trat und namentlich in mittelfeiner Waare gegen die damals • tonangebende Manufactur in Nimes einen erfolgreichen Wettkampf führte. In Folge misslicher Umstände gieng jedoch die Shawl- fabrication, welche 1825 circa 5000 Webstühle beschäftigte, unter ein Fünftel der früheren Production zurück, um zu Beginn der Fünfzigerjahre wieder zu neuer Blüthe zu gedeihen. Inzwischen war nämlich durch eine französische Firma die erste Shawl-Ausschneidemaschine eingeführt worden, welche in wenigen Minuten die Arbeit verrichtete, zu der bisnun Mädchen und Frauen, welche die Rückseite der Shawls mit der Hand ausschneiden mussten, mehrere Tage gebraucht hatten. Dieser epochemachenden Reform folgte 1856 die Aufstellung der ersten vollständigen Dampfappretur durch die renommirte Wiener Firma Zeisel & Blümel.
Hlawatsch & Isbary waren es namentlich, welche sämmtliche Neuerungen in der Fabrication einführten und das Appreturverfahren durch maschinelle Erfindungen verbesserten. Das Haus trat 1856 mit neu erfundenen, sogenannten Stella-Shawls auf, Tüchern ohne Naht, deren eine Hälfte das Dessin auf der rechten, die andere auf der linken Seite zeigte, so dass beim Ueberschlagen der letzteren beide Hälften ein harmonisches Ganzes bildeten. Isbary fand durch seine ausgedehnten Handelsbeziehungen für seine Erzeugnisse umso leichter ein weites Absatzgebiet, als dieselben sich in Folge ihrer künstlerischen Vollkommenheit und gediegenen Ausführung Weltruf erwarben. 1860 gründete die Firma eine Filiale in New-York und trug das Ansehen ihres Namens über den Ocean.
Das Jahr 1865 ^brachte eine wichtige Personalveränderung, indem sich Karl Hlawatsch zurückzog und an dessen Stelle sein Sohn Rudolf trat, der schon seit einer Reihe von Jahren im Geschäfte thätig gewesen war. Rudolf Hlawatsch hatte eine gründliche technische Ausbildung genossen, die in seinem Kunst- und Farbensinne eine für das Unternehmen überaus werthvolle Ergänzung fand, da der neue Theilhaber einen fördernden Einfluss auf die Compositionen der *
angestellten Dessinateure auszuüben vermochte. Um diese Zeit erzeugte die Firma auch die ersten Shawls mit doppelter Kette und begann die Fabrication von gestickten und glatten Cachemirtüchern, Colliers und Fichus, mit denen sie ebenso wie mit den neuartigen Stella-Tüchern auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 einen durchschlagenden Erfolg errang. Der hohe Grad der Vollkommenheit, welcher den Artikeln der Firma nachgerühmt wurde, war unter Anderem auch auf die rationelle Anwendung des Principes der strengen Arbeitstheilung einerseits, und der Centralisation andererseits zurückzuführen, indem sämmtliche Hilfs- und Vorarbeiten selbst besorgt, diese aber, ebenso wie die Hauptthätigkeit, in viele Specialarbeiten zerlegt wurden.
Man kann als die Blüthezeit der Shawl-Industrie die Jahre 1860—1875 bezeichnen, in welchen Hlawatsch & Isbary circa 800.000 Shawls producirten.
Als im Jahre 1878 Rudolf Hlawatsch eines Augenleidens halber seine Thätigkeit einstellen musste und die beiden Söhne des nunmehrigen Seniors der Firma, Victor und Rudolf Isbary, in das Unternehmen eintraten, war die Shawl-Industrie bereits im Niedergange begriffen. Welche Rolle der Shawl in der früheren Zeit gespielt hatte, dessen werden sich manche Wiener noch zu erinnern wissen. Sämmtliche Abbildungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren zeigen uns die Wienerinnen in der Umhülle der Shawls, deren sich damals die vornehme Dame ebenso wie das Mädchen der untersten Classe bediente. Die mehr oder minder feine Nuance des Shawls, die Zusammenstellung der Farben und die harmonische Anpassung desselben an den Rock waren für den ersten Anblick ein wesentliches Kriterium für die Einreihung der Trägerin in die höheren oder minderen Gesellschaftsschichten. Die von Hlawatsch & Isbary erzeugten Shawls galten als Muster des erlesensten Geschmackes und fanden ihren Weg nicht nur zu den Damen Wiens, sondern erfreuten auch das Auge der kunstverständigen Pariserinnen an dem kleidsamen Wiener Fabrikate, welches das Heimatsrecht auf den Boulevards erwarb. Leider gieng der Wunsch, den Rudolf Isbary stets hegte, dass die Wiener Shawl-Industrie sich die Gunst des grossen Publicums durch die solide, geschmackvolle Arbeit und die Geschmeidigkeit des Gewebes erhalten und tausend fleissige Hände in Wien' und Niederösterreich ernähren möge, nicht in Erfüllung. Die Geschmacksrichtung der Damenwelt, welche sich immer mehr der Confection zuwandte, verdrängte allmählich den Shawl, von dem schliesslich auch die weibliche Landbevölkerung abfiel, die dem buntfarbigen, mit den verschiedenen malerischen Bauerntrachten harmonirenden Tuche am längsten treu geblieben war. Die Bäuerin folgte in vielen Gegenden der städtischen Mode, Jacken und Mäntel zu tragen, und der Shawl, der bisher ihr unzertrennlicher Begleiter auf dem Kirchgänge
Fabrikshaus in Wien, VI., Liniengasse Nr. n.