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Die Groß-Industrie Oesterreichs : Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Österreichs 1898 ; Vierter Band
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JULIUS LÉON

K. K. PRIV. ME CH. BAUMWOLL- UND SCHAFWOLLWAAREN-WEBEREI

WERNSTADT.

ort, wo die Mutter Natur mit ihren Gaben kargte, und die Scholle trotz des angestrengtesten Fleisses der Menschen kaum so viel hervorbrachte, um ihre Bebauer zu ernähren, hat sich von jeher Gewerbe- fleiss und Industrie zuerst heimisch gemacht, durch den Segen der Arbeit die Noth gelindert und einen wohlthätigen Ausgleich zwischen den so verschiedenen wirtschaftlichen Lebensbedingungen angebahnt. So war es auch in dem im böhmischen Mittelgebirge über 500 Meter hoch gelegenen Städtchen Wernstadt (Bezirk Tetschen an der Elbe), wo sich bereits zu Ende des vorigen Jahrhunderts aus der Hausweberei und der primitiven Blaufärberei und Druckerei der Uebergang zum geregelten industriellen Betriebe vollzog, und zwar war es ein Vorfahre der heute noch bestehenden Weltfirma Leitenberger, welcher 1770 eine Cattunfabrik und 1797 eine Baumwollspinnerei mit Göpelwerksbetrieb erbaute. Da es aber an dem nöthigen Wasser oft empfindlich mangelte, verkaufte sein Sohn diese Fabrik, und nach mannigfachen Wandlungen konnten auch die Nachfolger diese Industrie, zufolge der isolirten Gebirgslage, der Verkehrsschwierigkeiten und anderer Hindernisse nicht aufrecht erhalten. Die Fabrik war gleich den anderen im Laufe der Zeit in Wernstadt entstandenen Fabriken gezwungen, den Betrieb einzustellen.

Ein grosser Theil der Arbeiter wurde brodlos und zur Auswanderung gezwungen, bis im Jahre 1867 der Begründer der Firma, Julius Léon, die alte Fabrik erwarb, dieselbe umbaute und eine mechanische Weberei mit Dampfbetrieb darin einrichtete. Es war dies eine der ersten Webereien in Oesterreich, welche speciell für ge­musterte Baumwollstoffe den mechanischen Betrieb mit Schaft- und Jacquardmaschinen eingeführt hat.

Allerdings waren die Anfänge schwierig genug; die Kohlen und Rohstoffe mussten meilenweit auf unge­bahnten Fahrwegen herbeigeschafft werden, und auch die Abrichtung der Arbeiter erforderte geraume Zeit, bis die damals etwa 130 Webstühle fassende Fabrik in regelmässigen Betrieb kommen und, nach und nach um das sechsfache vergrössert, erweitert und umgestaltet werden konnte.

Die Erzeugung wurde nun, den technischen Fortschritten entsprechend, für mannigfache Webarten eingerichtet; es wurden Artikel aus Baumwolle, Halbwolle, Schafwolle und Seide auf verbesserten neuen Maschinen hergestellt, so dass dieses Etablissement heute zu jenen grossen Fabriken in Oesterreich zählt, welche die besseren und schwierigeren Stoffe fabriciren. Namentlich werden erzeugt: alle glatten und gemusterten Baumwollgewebe, Organtine, Mousseline, Batiste, alle Arten Futterstoffe, Cloth, Dreh, Barchent, Piqué, ferner in einer eigenen Abtheilung Damenkleiderstoffe vom billigen bis zum feineren Genre.

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