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I. In Italien (1848—1855)
Negrelli bezeichnete es in seinen Briefen an die Schweizer Freunde offen als Fehler, daß man Stephen- son ins Land gerufen; was er gesagt, das habe man V
seit zehn Jahren schon alles in der Schweiz gewußt — in Qebirgsländern kennen sich englische Ingenieure nicht aus. Stephenson’s Bericht über die schweizerischen Eisenbahnen vermehre nicht den Ruf dieses Mannes, den er mit Stolz seinen Freund nenne!
Negrelli stand mit diesem ungünstigen Urteile über Stephensons Gutachten nicht allein; aus Deutschland und Österreich ließen sich gleicherweise Stimmen vernehmen. Man machte Stephenson den Vorwurf, daß er seine besonderen Vorteile über die allgemeine Bedeutung der Frage gestellt habe. Vielleicht nicht ohne Berechtigung. Die für das Schweizerland wichtigste Frage der Überschreitung der Alpen beantwortete Stephenson, als ob ihm die Erfahrungen der jüngsten Zeit, als ob ihm der Entwurf der Semmeringbahn ganz unbekannt wären; er bezeichnete Steigungen von 16 a. T. als die technisch und wirtschaftlich zulässige Grenze für die Dampflokomotive und empfahl die Anwendung von schiefen Ebenen unter Verwertung des Wassergewichtes als Triebkraft.
Hier, in dem Hinweise Stephensons auf den Reichtum der Schweiz an Wasserkräften und auf die große wirtschaftliche Bedeutung ihrer Ausnützung liegt eine bemerkenswerte Äußerung seines Gutachtens, in dessen Verfolg er freilich einen Weg einschlug, der als Irrpfad bezeichnet werden muß. Stephenson stand noch immer auf dem Standpunkte, den Negrelli vor mehr als einem Jahrzehnt vertreten, nun aber als nicht mehr zutreffend erkannt hatte, daß die Eisenbahnen der Schweiz nur ergänzende Verbindungsglieder der Wasserstraßen sein sollen, mit denen die Schweiz von der Natur so reich *
bedacht sei. 14