fieng in den Miethen — es war bereits Frühling geworden — zu faulen an; dieser Umstand w T ar es, welcher dem Bestreben, »Zucker zu erzeugen«, selbst wenn man sich über die mechanischen Mängel hinweggesetzt hätte, mit Rücksicht auf die damaligen Zeitverhältnisse entschieden Hohn sprach.
Die Fabrik war auf eine Verarbeitung von 1000 Wiener Centnei Rüben eingerichtet, verarbeitete jedoch thatsächlich während der Dauer der ersten Campagne mit vier hydraulischen Pressen von 36 Zoll Packhöhe durchschnittlich kaum 300 Wiener Centner Rüben täglich. Das gewonnene Fabrikat war »Saftmelis«, »Lomps«, »Bastern«, welche nach der damals üblichen Art mit weissem, dickflüssigem, »gesättigtem« Ton nur nothdürftig ausgedeckt wurden. Angewandt wurden für alle genannten Zuckerarten nur Formen aus unglasirtem Thon, welche von aussen mit Holzblättern verkleidet w r aren; statt Tischen zum Aufstellen der gefüllten Formen wurden anfangs nur Thonkrüge, genannt »Botten«, verwendet. Erst nach einiger Zeit steigerte sich die Rübenverarbeitung, und zwar derart, dass zu Beginn der Sechzigerjahre täglich 1700 Wiener Centner Rübe verarbeitet werden konnten. Dies war hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen, dass die Pressstation um drei Schnellpressen vergrössert wurde. Diese tägliche Verarbeitung machte die Kuttenberger Zuckerfabrik zu einer der grössten Runkelrüben-Zuckerfabriken Böhmens.
Michael Bermann Teller verfolgte mit ausserordentlichem Interesse jede Neuerung auf dem Gebiete der Zuckerfabrication und suchte sie für seine Fabrik zu verwerthen; dabei arbeitete er selbst thatkräftig, rastlos und initiativ an der Vervollkommnung des technischen Betriebes in seiner Fabrik und förderte in loyaler Weise jede gute Idee und jeden neuen Gedanken. Umso schwerer musste er es tragen, dass es ihm nicht vergönnt war, die epochalste der damaligen Erfindungen auf dem Gebiete der Zucker-Industrie, das Rob ert’sche Diffusionsverfahren, dessen bedeutende Vortheile er von vorneherein erkannte, in seinem Etablissement in Anwendung bringen zu dürfen. Der Grund hiefür lag darin, dass die Fabriksbaulichkeiten sich fast im Weichbilde der Stadt Kuttenberg befanden, und dieser Umstand aus localen und öffentlich-sanitären Gründen ein unüberbrückbares Hindernis zu einer so eingreifenden Umgestaltung der Fabrication bildete. So musste es denn bei der sogenannten »verneuerten« Pressarbeit verbleiben, ein Zustand, der sich auch nach dem im Jahre 1869 erfolgten Tode Michael Bermann Teller’s längere Zeit aufrecht erhielt.
Erst im Jahre 1883 ergriff sein einziger Sohn und Nachfolger, Herr Wilhelm Teller, eine erfolgreiche Initiative gegen die Bedenken, w T elche seitens der Behörden der Einführung des Diffusionsverfahrens entgegengesetzt wurden. Durch die 1876 erfolgte Erwerbung einer zwischen der Gemeinde Sedletz und Kuttenberg gelegenen »Concurrenz«-Actien-Zuckerfabrik, welche im Jahre 1864 von einem Consortium Kuttenberger Landwirthe erbaut wurde, nach kurzer Thätigkeit jedoch mangels Erträgnisses ihren Betrieb einzustellen gezwungen war, konnte Wilhelm Teller den Gedanken realisiren, beide nun der Firma Michael B. Teller gehörigen Zuckerfabriken technisch untereinander mit einem Rohrstrange zu verbinden, und zwar in der Weise, dass das in der Sedletzer, der sogenannten »Neufabrik«, seit 1878 bestehende Diffusionsverfahren unter einem auch die Zuckerfabrik in Kuttenberg, die sogenannte »Altfabrik«, mit dem erforderlichen Rohsafte unverkürzt versorgen konnte. Zu diesem Zwecke wurde selbstverständlich die Diffusionscapacität durch Neuanschaffungen entsprechend erhöht. In Folge dieser Neuerung fiel nun auch das längst verpönt gewordene Pressverfahren in der Altfabrik. Beide Fabriken theilten nun — einzig in ihrer Art — die nur in der neuen Fabrik verarbeitete Rübe, beziehungsweise den hier gewonnenen Rohsaft; der Rohrstrang zwischen beiden Objecten bildete das Mittel zur Schaffung dieses »Zwillingspaares«. Beide Etablissements erzeugten von diesem Zeitpunkte an Rohzucker und weisse Waare und wurden nach Beendigung der Rübencampagne als Raffinerien benützt.
In unmittelbarer Nähe der alten Zuckerfabrik befand sich, wie bereits früher erwähnt, ein« Spiritusfabrik, die besonders in den Siebzigerjahren zu den bedeutenderen Erzeugungsstätten dieser Branche gehörte, doch hatte dieselbe in noch erhöhterem Maasse als die alte Zuckerfabrik selbst unter sanitätspolizeilicher Aufsicht zu leiden, so dass Wilhelm Teller, der stets seine Hauptthätigkeit speciell der Zuckerfabrication widmen wollte, den Betrieb der Spiritusfabrik aufgab und dieselbe, entsprechend seinem Principe, alles zu centralisiren, in ein grosses Rohzuckermagazin umwandelte. Auch die in der Nähe des Kuttenberger Stadtbahnhofes gelegene, der Firma gehörige Malzfabrik wurde aus gleichen Gründen in ein bedeutendes Privatfreilager für die Aufbewahrung raffinirten Zuckers umgebaut.
Hatte Wilhelm Teller, entsprechend den Intentionen seines Vaters, sich um die technische Vervollkommnung seiner Fabriken mannigfache grosse Verdienste erworben, so ist die Anlage der Kuttenberger Localbahn sein für die Firma bedeutendstes Werk.
Die k. k. priv. Kuttenberger Localbahn, früher auch Kuttenberger Stadtbahn genannt, wurde im Jahre 1882 erbaut und sollte zunächst der Verbindung der beiden Zuckerfabriken mit der Station Sedletz-Kuttenberg der Oesterreichischen Nordwestbahn dienen. Doch während des Baues wurde sie — und dies geschah vornehmlich im Interesse der Stadt Kuttenberg, wie der Oeffentlichkeit überhaupt — auch für den allgemeinen Personen- und Güterverkehr eingerichtet. Die Bahn, welche am 11. Jänner 1883 feierlich eröffnet wurde und einschliesslich der beiden in die Zuckerfabriken führenden Schleppbahnen ein Schienennetz von fünf Kilometer umfasst, befindet sich im Privatbesitze der Firma Michael B. Teller in Prag und steht gegenwärtig unter der betriebführenden Verwaltung der Oesterreichischen Nordwestbahn. Bemerkenswerth ist es, dass die Kuttenberger Localbahn die einzige in Oesterreich im Besitze eines Privaten befindliche, auch für den öffentlichen Verkehr bestimmte Bahn ist, ein Umstand, der auf den starken Unternehmungssinn ihres Schöpfers, Wilhelm Teller, hinweist.
Doch wie in dieser Beziehung, so hatte Wilhelm Teller auch nach jeder anderen Richtung hin verstanden, das Ansehen der Firma bedeutend zu steigern. Leider sollte es ihm, der gemeinschaftlich mit seiner Schwester Betty Lasch die Unternehmungen der Firma leitete, nicht beschieden sein, seine Kräfte durch längere Zeit denselben zu widmen; denn nach kaum vollendetem 54. Lebensjahre starb er am 30. April 1894. Nach seinem Tode und dem
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