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Die Groß-Industrie Oesterreichs : Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Österreichs 1898 ; Fünfter Band
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Verfütterung in frischem oder eingesäuertem Zustande hinausgeschafft zu werden; zur anderen Hälfte aber werden sie in 5 Klusemannschen, von Büttner & Meyer verbesserten Pressen einer verstärkten Entwässerung zugeführt und darnach auf einem Harken-Transporteur zur Trocknung in die Schnittedarre (System Büttner & Meyer) gebracht.

Der abgezogene Rübensaft wird einer mehrfachen Reinigung unterzogen und in Verdampf- und Koch-Apparaten successive so weit eingedickt, bis er eine krystallinische Masse (»Füllmasse«) bildet, aus welcher der Rohzucker von dem dickflüssigen Rückstände (Syrup) durch Ausschleudern in Centrifugen gesondert wird.

Von den ebenerdig untergebrachten Centrifugen gelangt der Rohzucker mittelst Aufzuges in die Bodenräume der oberen Stockwerke und daselbst nach Passirung eines Trommelsiebes entweder zur Lagerung oder zur marktmässigen Sackung. Die Saftreinigung geschieht durch Aetzkalkzusatz bei dreimaliger Saturation (Sättigung mit Kohlensäure) in Verbindung mit mechanischer Filtration in Pressen mit Gewebetuch-Einlagen.

Den Kalk und die Kohlensäure liefern drei Steinmannsche Kalköfen mit den damit correspondirenden, zur Reinigung der Kohlensäure bestimmten Apparaten (Laveurs). Der Filtration wird der Saft sechsmal unterzogen, wozu Pressen mit einer Gesammt-Filterfläche von 906 Quadratmetern in Thätigkeit sind.

Die Verdampfstation ist nach Rillieux-Lexa eingerichtet und besteht aus zwei Triple-Effet-Reihen von Wellner-Jelinek-Apparaten mit Hodekschen Saftfängern und einer Gesammt-Heizfläche von 1358 Quadratmetern. An die Verdampfstation schliessen sich die Verkoch-Apparate (Vacua) an, von welchen für Zucker drei, für Syrup zwei vorhanden sind.

In diesen Apparaten wird das A^erkochen durch den überschüssigen Brüdendampf (Saftdampf) des ersten Verdampfkörpers bewirkt, durch den auch der Rohsaft, nachdem er schon aus dem dritten Verdampfkörper vorgewärmt wurde, die weitere Anwärmung vor der ersten Saturation erhält.

Diese Anwärmung geschieht auf vier Schnell-Vorwärmern mit rascher Circulation von 178 Quadratmetern Heizfläche (F. Ringhoffer). In Verbindung mit der Verdampfstation steht eine Luftpumpen-Zwillingsmaschine von 160 Pferdekräften mit zwei trockenen Luftpumpen von je 700 Millimeter Querschnitt und 740 Millimeter Hub. Zur Gewinnung des Zuckers aus den Füllmassen sind 40 Waggonets und 11 Centrifugen in Anwendung. Der Fassungs­raum der Reservoire beträgt für die Nachproducte 21.912 Hektoliter.

Für die noch mögliche theilweise Entzuckerung des zu gewöhnlicher directer Ausbeutung nicht mehr geeigneten Saft-Rückstandes (Melasse) stehen 42 Osmose-Apparate mit Gegenstrom-Einrichtung zur Verfügung.

Zur Lagerung des Zuckers dienen Böden mit 20.000 Metercentner, und am Fabrikshofe ein separates Lagerhaus mit 30.000 Metercentner Fassungsraum.

Die Dampfkesselanlage besteht aus 13 Röhren-Kesseln nach dem Doppeldampfraum-System mit Bolzanofeuerung, 7 Atmosphären Spannung und zusammen 2146 Quadratmeter Heizfläche, mit welchen für motorische Zwecke 25 Dampf­maschinen mit 750 Pferdekräften in Verbindung stehen.

Zur Instandhaltung der Maschinen ist eine eigene Reparaturwerkstätte nebst Gelbgiesserei eingerichtet.

Als Brennmaterial wird zum grössten Theil Braunkohle vom eigenen Bergwerke verwendet, die der Fabrik eine 37 Kilometer lange Drahtseilhängebahn (von Bleichert & Comp., Gohlis-Leipzig) bis vor die Feuerung zuführt und die Asche auf die Werkshalden zurücknimmt.

Das Betriebswasser wird aus dem Egerflusse bezogen. Der Wasserthurm speist auch in allen Betriebsräumen Hydranten, die bei der Abwehr einer eventuellen Feuersgefahr zur Unterstützung der grossen Fabriksspritze bestimmt sind. Von den Fabricationsabfällen werden Schnitte und Saturations-Kalkschlamm an die Landwirthschaft abgegeben, von der Melasse wird ein Theil zur Imprägnirung der zur Verfütterung im getrockneten Zustande bestimmten Schnitte, nach dem System Wüstenhagen, verwendet, der Rest sowie Osmosewasser an fremde Spiritusfabriken abgesetzt.

Die mehrjährigen mit der Schnittedarre der ersten in Oesterreich gemachten Erfahrungen berechtigen zu der Vorhersage, es werde die Trocknung der Schnitte, wodurch diese an Gedeihlichkeit gewinnen, in nicht gar ferner Zukunft zur allgemeinen Uebung werden, indem nur dadurch dem Verluste grosser Futtermassen, der bei der gewöhnlichen Aufbewahrung der Schnitte unvermeidlich ist, vorgebeugt werden kann.

Aus 11 Metercentnern frischer Schnitte resultirt 1 Metercentner Trockenschnitte.

Durch den erprobten Zusatz von Melasse bei der Schnittetrocknung ist einer der geeignetsten Wege betreten, um Melasse als Viehfutter zum Vortheile der Bodenstatik bei gleichzeitiger Entlastung des Zuckermarktes zu verwerthen.

Der Arbeiterstand der Fabrik umfasst mit Inbegriff der bei der Drahtseilbahn, der Schleppbahn und der Schnittedarre Beschäftigten während der Campagne 588 Personen, wovon circa 300 Fremde aus anderen Gegenden Böhmens sind; diese werden ausserhalb, doch in der nächsten Nähe der Fabrik, in einem geräumigen zweistöckigen Arbeiterhause, welches mit eisernen, militärisch adjustirten Bettstätten, Küche, Speiseraum, AVaschlocale, elektrischer Beleuchtung, AVarmwasserheizung, AA r asserleitung und guter Ventilation versehen ist, unentgeltlich bequartirt. Daselbst ist auch ein Krankenzimmer eingerichtet und ein Thursfieldscher Desinfections-Apparat aufgestellt.

AVie überall, hat der Zuckerrübenbau auch auf die Landwirthschaft des hiesigen Fabriksumkreises segens­reich eingewirkt und die Production in allen Culturzweigen, sowie in der Ahehhaltung wesentlich gehoben. Grosse Fortschritte sind am augenfälligsten in der mit der steigenden Verwendung von Kunstdünger zunehmenden Tiefcultur des Bodens ersichtlich. Dies ist nicht nur auf den Grossgütern der Fall, wo man jetzt Fowlersche Dampfpflüge zahlreich in Verwendung sieht, sondern auch bei dem Kleingrundbesitz, wo vor 40 Jahren noch der Perzhaken, ein primitives Geräth, nur zur nothdürftigsten Lockerung der obersten Ackerkrume geeignet, der grössten Beliebtheit sich erfreute, nunmehr aber allgemein durch eiserne Pflüge bester Construction verdrängt ist. Bis zur Einführung des Rübenbaues war in dieser Richtung jede Einflussnahme durch Wort und Beispiel erfolglos geblieben.

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