166 Theben.
Gleichsam als Wächter sass einst davor ein kolossales Steinbild — jetzt nur noch ein Stumpf mit einem Paar gewaltiger Beine auf einem Piedestal. Es ist der Torso vom König Eamses. Im Saale selbst nimmt uns die Doppelreihe jener Säulen auf. welche — ohne Kapital und Fussgestell 66 Fuss hoch und 12 Puss Durchmesser habend — die grössten der Welt sind. Mit dem breiten Kelch ihres Kapitals erscheinen sie wie Riesenpilze, die sich lichtbraun vom blauen Himmel abheben. Die Tellerweiten ihrer Kapitaler berühren sich oben fast, eine jede von 22 Schuh Durchmesser. Steinbalken von mehr als 40 Fuss Länge gehörten dazu, um den ganzen Gang querüber von Würfel zu Würfel zu überspannen. Diese Würfel sitzen wie immer in Mitten der Tellerweite und tragen jenes Steingebälk; denn der Kelchrand der Säulen selbst wurde nie belastet. Demungeaclitet waren jene Steinbalken zu schwer, sind zum Tlieil herabgefallen und haben die Kelche verstümmelt. Wie im Rameseum drüben wird die kolossale Doppelreihe von Säulen in der Mitte zu beiden Seiten von einer regelrechten Pflanzung weniger riesenhafter Säulen begleitet. Die letzteren sind 122 an der Zahl, haben 41'/, Fuss Höhe und einen Umfang von 27‘/ 2 Fuss und sind in sieben Reihen auf jeder Seite der Mittelreihe vertheilt. Auch diese mit dem Knospenknauf sind leicht wie Pilze; denn wo eine umgesunken ist mit ihrem Steingebälk in der Allee, da lehnt sie ohne zerbrochen zu sein an der Nachbarreihe. Um dem hohem Mittelgang gleichzukommen, muss das nächste Glied rechts uud links über Architrav und Hohlgesims den hohen Pfeiler einer Fensterwand setzen. Von der Höhe dieser Fensterwand erst, die durch Steinstäbe gitterförmig geschlossen ist, spannten die Steinbalken der Decke auf die Mittelreihe herüber und über sie hinweg und bildeten das höhere Mittelschiff, das eben durch beide Fensterwände erleuchtet wurde. Die 122 Säulen der Seitenreihen trugen das tiefere Dach der beiden Flügel.
Man kann ohne Mühe nach verschiedenen Punkten hinauf, um in diesen Wald gigantischer Säulenschäfte hinabzuschauen. Er war, wie zahlreiche Spuren zeigen, reich an Farben, aber nicht überladen, Roth und Blau auf weissem oder lichtblauem Grunde. Es ist die bemalte Sculptur auf der Rundung der Säulen, Opferscenen vor dem Gotte Amun, Kreise von Königsnameuscliildem, Hieroglyphen an den Steinen der Decke. Keine Handbreit in diesem mächtigen Saale ist leer, Alles ist mit Sculptur tättowirt.
Wer war wohl der letzte Pharao, der hier zu Gericht sass ? Und wer der letzte, der über die Feinde des Reichs triumphirend hier seinen Einzug hielt? Wir wissen keine Antwort, wissen nur zu staunen über das Bild, das dieser ungeheure Bau einst geboten haben muss. Jetzt aber schaut der Schakal aus seinem Loch im Schutt und sitzt die Eule droben auf dem Hieroglyphenstein.
Es scheint wünschenswert}!, hier etwas ausführlicher auf den Styl der Säulen einzugehen und so flechten wir die Bemerkungen Brauns über diesen Gegenstand wörtlich ein: