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Aegypten : Reisehandbuch für Aegypten / von Moritz Busch
Entstehung
Seite
167
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Theben. Ui 7

,Wir haben gesagt, die doppelte Mittelreilie der Säulen habe die weite Kelchfonn als Kapital. Jede Erinnerung an ein Pflanzen­gebilde ist indess verloren bis auf den alten Gurt der fünf Heftbänder unmittelbar unter dem Kelch und bis auf den äussern Schmuck dieses vollkommen runden Kelchkessels einen Schmuck, der in der Andeu­tung breiter Kelchblätter und feiner sich daraus erhebender Blüten­stiele an der emporgeschweiften Wand dieses Kessels besteht. Auch der Puss der mächtigen Rundsäulen, der hier in Schutt begraben ist, zeigt noch die alte Einziehung der Pflanzenform, auf der Rundplatte, worauf er lastet, und die Andeutung von Wurzelblättem, die ihn um­geben. Aber alles das verschwindet in der architektonischen Masse. Der Säulenschaft selber ist ungegliedert. Diese Riesensäulen brauchen nicht mehr, sondern weniger Gliederung. Der Sculpturschmuck, der sie bedeckt, ist natürlich ein Detail der Säule selbst. Aber welch ein Schritt von den zierlichen Lotosschäften, die in den Gräbern der Pyramidenfelder abgebildet sind, mit ihrem fast auseinanderflatternden Blätterkelch, zu dieser Riesenform! Auch die Knospensäule in den Nachbarreihen hat ihre Herkunft und fast noch vollständiger vergessen. Die rundgewordene Knospe bedeckt sich mit Hieroglyphenringen und Gurten von Königsschildern; nur der Puss der Säule ist gleichfalls eingezogen und in einen Blätterkelch gefasst.

Dieser Säulensaal, welcher ein Viereck von 170 Puss Breite und 329 Fuss Länge bildete, und bis zur Decke des Mittelschiffs 70, bis zur Decke der Seitenräume 43 Puss hoch war, ist ganz an eine ältere Westfront des Tempels angelegt. Das wird durch die Reste eines thurm­artigen, oben offenen Vorgemachs, das in den Saal hereintrat, und durch die Trümmer der Massenflügel, die hinter dem Säulensaal sich erheben, sowie durch jene Pylonsysteme bewiesen, welche, wie wir oben erwähnt, eines hinter dem andern von Mer nach Süden vorrücken und die von Süden kommende Strasse vor diese einstige Westfront leiten. Nicht vor, wohl aber hinter ihr steigt ein Obeliskenpaar auf, von welchem der linke mngeworfen und zertrümmert ist, während der rechte noch in seiner alten Schönheit aufrecht steht.

Diese Obelisken standen am Eingänge in einen Hinterhof, der, fast ebenso breit als der Säulensaal, als zweite Hälfte der ganzen An­lage folgt. Er enthält das ursprüngliche Heiligthum, das jetzt eine wüste Masse durcheinander gefallener Steinblöcke ist. Es war gross, aber nicht zu gross, um ganz und gar in dem Säulensaal untergebracht werden zu können. Hier stand einst ein zweites, grösseres Obelisken­paar, wie jenes vom schönsten Rosengranit. Auch von ihm ist nur der eine Zwilling übrig, ein mächtiger Zeuge alter Kunst und Kraft, 92 Puss hoch und unten 8 Quadratfuss dick. Wo jene Obelisken ragten, befindet sich der breite, aber nicht sehr tiefe Vorhof des eigentlichen Heiligthums innerhalb des grossen inneren Hofraums. Ein Portal, mit grossen Steinblöcken gedeckt, führt zu dem noch stehenden Obelisken, und andere Portalreste, die hinter einander folgen, leiten hinab in die Kammer des Allerheiligsten. Dieses ist von rothem Granit, während