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III. In Österreich (1840 bis 1848)
Die umfassende und verantwortungsvolle berufliche Tätigkeit erschöpfte nicht die Arbeitskraft Negrellis, vor allem aber nicht sein schaffensfrohes Interesse für weiter reichende Fragen auf dem damals überall eifrig, ja fast hastig bearbeiteten Gebiete des Verkehrswesens. Seiner Teilnahme am nächsten lag seine Heimat Tirol — dann auch das Eisenbahnwesen der Schweiz und Württembergs, an dessen aufkeimendem Werden er selbst noch in den Tagen der allerersten Kindheit der Lokomotivbahnen mitgewirkt.
Das Programm für die Staatsbahnen in Österreich schloß Tirol von den Hauptschienenwegen aus. Die Bemühungen Tiroler Eisenbahnfreunde und die Bestrebungen ausländischer Geldmänner, die längs des Inns von Norden her bis Innsbruck und längs der Etsch von Süden her bis Bozen oder selbst Sterzing Bahnlinien studieren ließen, blieben erfolglos; es lag die Gefahr nahe, daß der Verkehr und Handel Tirols empfindlichen Nachteil erleiden, ja vielleicht dauernd geschädigt würden. Die einzige Hoffnung, diesem Übel vorzubeugen, erblickte Negrelli in der Einführung einer regelmäßigen Dampfschiffahrt vom Adriatischen Meer aus auf der Etsch bis Branzoll im Anschlüsse an die Triest-Venediger Dampfschiffahrt und von Innsbruck bis Passau in Verbindung mit der bairisch-österreichischen Donaudampfschiffahrt. Dieser großzügige Vorschlag gemahnt an den von uns erwähnten Entwurf eines schweizerischen Verkehrsweges vom Rhein an das mittelländische Meer. Er zeugt für die freie Auffassung Negrellis, der sich nicht — wie es damals gang und gäbe war — vollständig in den Bann des neuen Verkehrsmittels stellte, sondern die gegebenen und augenblicklich verwertbaren natürlichen Hilfsmittel der Länder auszunützen bestrebt war. An eine