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III. In Österreich (1840 bis 1848)
ihn außer seinem tiefgefühlten Patriotismus, der ihn
— wie er selbst schreibt, jetzt, wo die Zeiten so ernst werden, auf seinen Posten auszuharren heißt, auch wenn er nichts mit Politik zu tun hat — dazu mochte ihn, widerhole ich, noch ein anderer Umstand drängen: er hatte sein Herz an ein schönes Wiener Mädchen verloren, und war im Begriffe, es heimzuführen.
Nach dem Tode seiner ersten Frau hatte Negrelli
— wie wir gesehen — mit unglaublicher Arbeitskraft in eine Tätigkeit sich gestürzt, die ihn voll und ganz in Anspruch nahm; keine wichtige Tagesfrage auf verkehrstechnischem Gebiete entging seinem Scharfblicke; weit über das Konstruktive hinaus erhob sich sein schöpferisches Wirken, dem die Grenzen seines Vaterlandes kein Halt setzen, und wenn damals die Entwicklung des Eisenbahnwesens in einigen Ländern Europas teilweise unter österreichischem Einflüsse erfolgte — man denke an die Schweiz, an Württemberg — so war dies vielfach zum großen Teile Negrel- lis Verdienst . . .
Die Sorge um seine Kinder war groß und drückend; sie konnte in der Fülle seiner Arbeit nicht untergehen, wie etwa die Erinnerung an das Glück und an das Leid vergangener Jahre. Um die Erziehung seiner Kinder sicheren Händen anzuvertrauen, da er selbst so selten in ihrer Nähe sein konnte, hatte er sie in seine Heimat gebracht — besonders um des Mädchens willen, das „einer ersprießlichen weiblichen Leitung bedurfte“. Jede schweizer Reise führte ihn, wenn auch nur auf Stunden, in seine Heimat zu seinen Kindern. Mitteilungen über sie fehlen fast in keinem Briefe an die Freunde in der Schweiz, in Vorarlberg, in Tirol. Aber schon nach wenigen Jahren führt er