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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Als Repräsentant der Garnison lag mir die gesellschaftliche Fühlung mit der elsässischen Bürgerschaft besonders am Herzen. Politisch wichtig waren vor allem die Fabrikanten, die sehr ver­mögenden Inhaber der industriellen Unternehmungen, unter denen die Textilbranche dominierte. Mein Adjutant riet mir zwar ab, denn mein Vorgänger hatte in diesen französisch gesinnten Kreisen keine ermutigenden Erfolge erzielt. Aber ich wollte die Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen trotzdem versuchen. Vielleicht würde ich als Süddeutscher von der andern Seite deS Rheins mehr Erfolg haben. Doch überall hieß es bei meinen Besuchen:D'r Herr isch uf'm Kontor, un d' Madame isch malad." Meine Be­mühungen ergaben eigentlich nur einen korrekten Austausch der Besuchskarten. Wenn ich im Laufe der Zeit doch mit einzelnen dieser Herren auf vertrauteren Fuß kam, so waren das Ausnahmen. Im allgemeinen hielt sich die gehobene Bourgeoisie von den deutschen Beamten und Militärs betont fern. Ihre Sympathien waren nun einmal auf feiten Frankreichs.

Kann man den Leuten wirklich einen Vorwurf aus ihrer Haltung machen? Wenn man bedenkt, daß die Stadt Mülhausen schon 1515 in die Schweizer Eidgenossenschaft aufgenommen wurde und sich 1798 wegen ihrer Handelsinteressen zum Anschluß an Frankreich entschließen mußte, so darf das Fehlen einer deutschen Tradition nicht wundernehmen. Durch seine Vergangenheit war Mülhausen in Bezug auf die Kultur der Oberklasse viel französischer als Straßburg.

Der elsässische Mittelstand und die Arbeiterschaft, vor allem die Bauem, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachten, hatten mit den französischen Sympathien der Fabrikherren wenig oder nichts zu tun. Das Verhältnis der breiten Masse der Bevölkerung zu den eingewanderten Deutschen war mit der Zeit durchaus loyal geworden, und besonders unter der jüngeren Generation hatten sich freundschaftliche Beziehungen angebahnt. Auch zwei meiner Offi­ziere hatten Elsässer Mädchen aus Mülhausen geheiratet. Aber trotz der friedlichen Eingewöhnung schlug das Herz der Bevölkerung nicht für Berlin, auch nicht für Paris, sondern ausschließlich für ihre elsässische Heimat, deren Symbol Straßburg, diewunder­schöne Stadt", geblieben war.

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