Zweites Kapitel
diim i. Oktober 1871 trat ich als Einjahrig-Freiwilliger in das Badische Infanterie-Regiment Nr. uz ein. Wir Einjährigen wurden zusammen mit einigen Dreijährig-Freiwilligen während der ersten sechs Wochen gesondert ausgebildet durch einen Premierleutnant, der versprach, uns „die Flötentöne schon beizubringen" !
Ich kam zur Abteilung des Sergeanten Bär, eines Ostpreußen, der seinem Namen Ehre machte und erst vor kurzem zum Freiburger Regiment gekommen war. Er verstand seinen Dienst, war aber auch sehr scharf. Die ostpreußischen Kosenamen wie „Lorbas" und „Luntroß" bekamen unsere alemannischen Ohren zum erstenmal zu hören.
Seinen besonderen Ärger hatte der Sergeant mit dem Füsilier Däschle, einem Bauernjungen aus dem Hotzenwald im südlichen Baden. Bär und Däschle mit ihren fremden Dialekten konnten sich nur schwer verständigen. Oft mußte ich den Dolmetscher militärischer Gefühle abgeben.
„Däschle, du Lorbas, wozu hast du einen Kopf?" „Ich weiß nit, Herr Scherschant." „So, da will ich's dir sagen. Du hast einen Kopf, damit die Halsbinde nicht oben hinauörutscht. Verstanden?" „Zu Befehl, Herr Scherschant."
Solche Zwiesprache zwischen Nord und Süd war für uns Einjährige immer ein Gaudium. Und wenn der Sergeant einmal besonders böse war auf sein Sorgenkind und drohte: „Däschle, wenn du deine krummen Knochen nicht besser durchdrückst, dann haue ich dir eine in die Frasse (statt Fresse), daß dir die Zähne sektionsweise hinten rausfliegen", so nahm ihm das nicht einmal der Däschle übel, denn der Sergeant war ein Mann von jener rauhbeinigen Gutmütigkeit, die man in Ostpreußen nicht nur vereinzelt findet.
Mir selbst hat der militärische Dienst Freude gemacht. Das
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