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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Sechstes Kapitel

14. Juni 1906 fuhr ich mit dem Doppelschraubendampfer >V^Herzog" von Antwerpen ab, einem alten Kasten, der phantastisch schaukelte. Für mich war in bester Absicht eine Kabine mit Wohn- und Schlafraum an Deck neu gebaut worden, die in den ersten Tagen penetrant nach frischem Dlanstrich roch. Mir hatte man keinen Gefallen mit dieser Aufmerksamkeit getan, denn ich habe eS nie leiden mögen, wenn für mich eine Extrawurst gebraten wurde. Auch die Verpflegung war, wie auf den meisten Dampfern, ganz unnötig luxuriös. Ich mir die ellenlangen Menüs schon in den ersten Tagen über und sehnte mich nach einfacher Kost. Ein Schiffsoffizier hatte endlich Erbarmen und lud mich zu Hammel­fleisch mit Bohnen in die Messe.

Ein Gutes hatte derHerzog". Es gab Turngeräte an Bord, vor allem ein mechanisches Pferd, das einem die Eingeweide ordentlich durcheinanderschüttelte. Aber auch am Reck suchte ich durch Klimmzüge und Doppelbeinheben wieder in Form zu kommen für das Padleben in Südwest. Hauptmann Pfeffer, mein sehr tüchtiger und pflichteifriger Adjutant, leistete mir dabei Gesellschaft. Er hatte etwas merkwürdig Versonnenes, das mir zu denken gab.

Wir hatten nämlich eine sehr nette Reisegesellschaft an Bord, ein paar Farmer mit ihren Angehörigen, drei Missionare und einen Professor mit einer bemerkenswert niedlichen Tochter, die es meinem Adjutanten angetan hatte. Kurz vor dem Äquator setzte sich Hauptmann Pfeffer den Tropenhut auf und meldete mir seine Verlobung. An dem Abend veranstaltete der Brautvater ein sehr vergnügtes Fest. Er hatte nämlich noch sechs weitere Töchter zu Hause und wird vielleicht bedauert haben, daß er sich für die Reise nicht reichlicher eingedeckt hatte.

Am 5. Juli kam Swakopmund in Sicht. Wegen zu hoher See mußten wir noch zwei Tage auf der Reede schaukeln, bis mit dem

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