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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Achtes Kapitel

(^Xie außenpolitische Spannung, die mit dumpfem Druck über >^xEuropa lastete, löste in der empfindlichen politischen Struktur des Elsaß eine nervöse Spannung aus, zu deren Entladung ein Funke genügte. Die Stimmung hatte sich im Vergleich zu der Zeit vor ein paar Jahren, als ich in Mülhausen Brigadekommandeur war, sichtbar gewandelt. Man hörte viel mehr als früher, in Läden, Cafes, beim Frisör und auf der Straße französisch sprechen. Vor­trüge französischer Redner fanden starken Zulauf und wurden demonstrativ applaudiert. Wenn im Theater französische Trupps gastierten, zeigte der Beifall eine Begeisterung, die nicht immer in einem erklärlichen Verhältnis zu der Qualität der künstlerischen Darbietungen stand.

Der Einfluß des ganz in französischen Anschauungen erzogenen Klerus auf dem flachen Land und der kulturell nach Frankreich tendierenden Elite der Bourgeoisie in den Städten tat seine Wirkung. Dazu kam die Verhetzung durch die chauvinistische Presse, namentlich durch die in französischer Sprache erscheinenden Zeitungen, die jedes Vorkommnis von örtlicher Bedeutung zu einem sensationellen Fall aufbauschten, besonders wenn es sich um militärische Vorgänge handelte. Die Presse jenseits der Vogesen sekundierte zielbewußt, denn im Fall eines Krieges war eine franzosenfreundliche Stim­mung der elsaß-lothringischen Bevölkerung von größter Bedeutung. Seit 191Z stand Poincars, der Mann der Revanche, als Präsident an der Spitze der französischen Republik. Das politische Barometer in Paris stand auf Sturm, und die entfesselten Wellen schlugen über die Vogesen herüber.

Trotz allem wäre es ein Fehlurteil, zu glauben, daß die Elsaß- Lothringer damals französisch werden wollten. Bald nachdem ich das Kommando in Straßburg übernommen hatte, brachte die Zeit­schriftElsaß-Lothringische Kulturfragen" einen Aufsatz, der mir

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