Fünftes Kapitel
<^><m 15. Mai landete die „Alexandra Woermann" nach glatter -V-VFahrt in Hamburg. Auf der Landebrücke konnte ich meine Frau und meine älteste Tochter in die Arme schließen. Bange Wochen hatten sie in der Sorge um mich durchlebt, wenn die Post während der Feldzüge einmal für längere Zeit ausblieb. Auch ich hatte in manchen Gefechten daran gezweifelt, ob ich meine Lieben noch einmal wiedersehen würde. Um so glücklicher waren wir jetzt zusammen.
Am anderen Tage fuhren wir nach Berlin. Ich war bis zum i. Oktober zur Wiederherstellung meiner Gesundheit beurlaubt worden. Die erste Zeit in Berlin war voll besetzt. Überall sollte ich über meine Erfahrungen und Eindrücke berichten, vor allem aber zuverlässig das Datum angeben, wann der Krieg in Südwest amtlich zu Ende sein werde. Mir persönlich wurden viele Freundlichkeiten erwiesen, und doch packte mich manchmal.ein Gruseln, wenn ich erkannte, in welcher Verzerrung selbst „große Tiere" die Verhältnisse in Südwest sahen. Es ist nie eine dankbare Rolle, rücksichtslos die Wahrheit zu sagen. Ich habe mich bestimmt sehr unbeliebt gemacht.
Bei der Enthüllung des Kaiser-Friedrich-Denkmals in Char- lottenburg hatte ich mich beim Kaiser zu melden. Es war damals eine kritische Zeit in der Außenpolitik. Die russische Armee war im März bei Mukden endgültig von den Japanern besiegt worden, und jetzt vor wenigen Tagen hatten die Sieger die baltische Flotte Rußlands bei der Insel Tschusima in Ostasien vernichtet. Damit war der Russisch-Japanische Krieg praktisch beendet. Aber die Marokkokrise war noch in vollem Gange. Waren es doch erst zwei Monate her, daß der Kaiser in Tanger Marokko als unabhängigen Staat gefeiert hatte. Das französische Volk sah darin einen Versuch, seinen Traum von einem neuen Frankreich aus der anderen Seite
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