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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
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Zwölftes Kapitel

(^>ach meiner Pensionierung packte mich eine starke innere Un- ^ Trutze, die mich nicht lange an einem Ort verweilen ließ. Zuerst ging ich mit meiner Familie nach Wiesbaden, um meinen Hals auszukurieren. Dann fuhren wir im Juli nach Königsfeld im Schwarzwald, dem bekannten Luftkurort mit der Herrnhuter- gemeinde. Die Bauernhöfe der Umgebung machten einen trostlosen, verlassenen Eindruck. Nur Greise, Frauen und Kinder waren zu sehen. Auf den meisten Höfen hatten sie Gefallene zu beklagen, den Vater, den Mann, den Bruder. Überall herrschte gedrückte Stim­mung und große Friedenösehnsucht. An den Sieg glaubte niemand mehr.

Des Abends hörten wir oft den russischen Gefangenen zu, wenn sie zur Ziehharmonika ihre Nationaltänze aufführten oder ihre schwermütigen Lieder sangen. Sie schienen sich als Landarbeiter sehr wohl zu fühlen, in dem Bewußtsein, dem Elend des Schützengrabens entronnen zu sein.

Im Monat August fanden wir schließlich in Baden-Baden eine Wohnung. Die wundervolle Umgebung und die Gelegenheit zu weiten Spaziergängen in den herrlichen Waldungen hatten eS mir angetan. Dem alten Infanteristen steckt nun einmal das Mar­schieren in den Knochen, bis zu seinem Lebensende.

Noch einmal sollte ich aus ein paar Tage an die Front kommen. Der Kommandeur des Jnfanterie-RegimentS IZ2, zu dessen Chef ich ernannt worden war, lud mich zu einem Besuch ein, als die Bataillone in Ruhe bei Provin südwestlich Lille zurückgezogen waren. Es sollte ein tragischer Abschied von der Truppe werden.

DaS Regiment war in Marschkolonne ausgestellt. Als ich gerade im Galopp auf den Anfang der Kolonne zuritt, ertönte plötzlich der Ruf:Flieger." Noch ehe die Leute auseinanderlaufen konnten, sausten die Bomben aus den Platz. Fünf Tote und über zwanzig

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