Elftes Kapitel
^V>itte Januar 1916 erhielt ich von der Obersten Heeresleitung ^die Mitteilung, daß mein Korps Anfang Februar gegen die französische Festung Verdun eingesetzt werden sollte.
DaS Jahr 1915 hatte unS wertvolle Erfolge gebracht. DaS russische Heer war während des Sommers wiederholt geschlagen und bei nachlassender Kampfkraft unter ungeheuren Verlusten an Gefangenen und Kriegsmaterial weit zurückgedrängt worden. Die serbische Armee war vernichtet und dadurch eine Landverbindung zu unseren türkischen Bundesgenossen geschaffen worden. Italien wurde durch Osterreich-Ungarn, dem es im Mai den Krieg erklärt hatte, in Schach gehalten. So hatte die Heeresleitung die Möglichkeit, wieder auf dem westlichen Hauptkriegsschauplatz aktiv zu werden. Wir durften nicht abwarten, bis es dem Gegner gefiel, uns an einer selbstgewählten, Erfolg versprechenden Stelle anzugreifen.
Als Angriffsziel entschied sich Falkenhayn für Verdun. Dieser Eckpfeiler der französischen Front sprang in unsere Linien vor und bot so ein Moment der Schwäche für den Verteidiger. Zugleich war Verdun ein ständig drohendes Ausfallstor gegen unsere wichtigsten rückwärtigen Verbindungen. Auch hätte die Bezwingung dieser stärksten Festung Frankreichs einen gewaltigen moralischen Eindruck in der ganzen Welt gemacht.
Auf der anderen Seite war uns bekannt, daß die Befestigungswerke von Verdun außerordentlich widerstandsfähig und nach modernsten Erfahrungen ausgebaut waren. Außerdem bot die Eigenart des Geländes dem Verteidiger natürliche Vorteile. Aber hatte unsere schwere Artillerie nicht schon viele feindliche Festungen über Erwarten rasch zerschlagen! Gewiß. — Aber Verdun war keine Festung im alten Sinn mit leicht erkennbaren, permanenten Werken, die der Artillerie sichere Ziele boten, sondem es handelte sich hier um eine befestigte Zone, die nach der Tiefe gegliedert war
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