Neuntes Kapitel
28. Juni 1914 wurde in Serajewo, der Hauptstadt von Bosnien, der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Gemahlin von serbischen Fanatikern ermordet.
Die Völker in ihrem gesunden Instinkt fühlten viel deutlicher das Schicksalhafte dieser Schüsse als die Kabinette und zünftigen Diplomaten. Jeder einfache Mann fragte sich: War jetzt der Funke in das Pulverfaß geflogen, von dem man schon immer gesagt hatte, daß er den Weltbrand entzünden werde? Jeder sprach von Krieg und Kriegsgefahr, und doch wagte niemand an das Furchtbare zu glauben. „Wir werden alle im Bett sterben, der Kaiser will keinen Krieg", sagte mir in diesen Tagen ein hoher General.
Bald nach dem Mord von Serajewo kam der Chef des Großen Generalstabes, General von Moltke, auf einer Übungsreise nach Straßburg. Wir aßen abends zusammen, und ich saß neben ihm. Natürlich sprachen wir über den Ernst der politischen Lage, aber aus keinem Wort konnte ich entnehmen, daß Moltke an den baldigen Ausbruch des Krieges glaubte. Er erzählte mir im Gegenteil, daß er nach Beendigung der Übungsreise seine unterbrochene Kur in Karlsbad fortsetzen wolle. Der Generalstabschef machte schon damals keinen frischen Eindruck. Auch den Teilnehmern an der Übungsreise war seine verminderte Leistungsfähigkeit aufgefallen.
In der Ansicht, daß man in Berlin nicht mit einem nahe bevorstehenden Krieg rechnete, bestärkte mich eine Verfügung des Kriegsministeriums vom 11. Juli, in der einer Hinausschiebung des kürzesten Verproviantierungstermins bei der Mobilmachung für die Festungen Straßburg und Neubreisach zugestimmt wurde.
Von der politischen Lage wußte ich nur daö, was in den Zeitungen stand, nicht mehr und nicht weniger als jeder Bürger am Stammtisch. So ging das militärische Leben seinen üblichen Weg weiter. Ich hielt die vorgesehenen Besichtigungen ab, darunter auch die der
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