Dokument 
Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
Seite
137
Einzelbild herunterladen

In meinem Berufsleben näherte sich die große Entscheidung. Nach meinem Dienstalter mußte ich entweder ein Armeekorps bekommen oder den nützlichen Regenschirm, der allen Offizieren, besonders vor hochpeinlichen Besichtigungen, als Symbol deS Pensionärs in häßlichen Träumen erschien. Die Konkurrenz bei den wenigen Generalkommandos war naturgemäß groß, und wer wie ich ohne Freunde und Fürsprecher am Hose war, durfte sich keinen Illusionen hingeben. Am Geburtstag des alten Kaisers ich war gerade beim Rasieren in früher Morgenstunde brachte mir mein Bursche ein Telegramm:Ich ernenne Sie mit dem i. April 191z zum Kommandierenden General des XV. Armeekorps in Straßburg. Sie haben hierin einen Beweis meines vollen Vertrauens zu erblicken. Wilhelm R." Ich warfest so stolz und glücklich wie vor vielen Jahr­zehnten bei meiner Beförderung zum Leutnant. Das gräßliche Ge­spenst mißvergnügter Untätigkeit als pensionierter Offizier war gebannt. Und noch dazu das wichtige Grenzkorps in Straßburg!

Mein Vorgänger, General von Fabeck, bekam das Armeekorps in Stuttgart. Ein etwas kompromittierender Zwischenfall in Straßburg hatte den Wechsel im Kommando veranlaßt.

Eines Morgens war ein unbekannter Mann auf der Hauptwache in Straßburg erschienen und hatte ein Telegramm abgegeben, in dem zu lesen stand, daß der Kaiser mittags nach Straßburg kommen würde und die Garnison in Parade zu sehen wünsche. Große Aufregung, Alarmierung der Garnison, Paradeaufstellung am Polygon. Mit militärischer Beharrlichkeit wartet alles auf den kaiserlichen Besuch, der Kommandierende General an der Spitze, neben ihm der jüngste Kaisersohn, Prinz Joachim, der damals in Straßburg studierte. (Kurz nach Kriegsende hat er sich in tiefster Depression erschossen.) Aber der Kaiser kam und kam nicht. Nach langem Warten fiel einem Schlauberger ein, telefonisch in Berlin anzufragen. Und da stellte sich heraus, daß der Kaiser überhaupt nicht an einen Besuch in Straßburg gedacht hatte. Am Abend erhielt Prinz Joachim ein Telegramm von seinem Bruder, dem Kronprinzen (der leider nicht immer sehr glücklich telegrafiert hat):Wartest Du noch immer?" Der Attentäter, eine zweite Auflage des HauptmannS von Köpenick, wurde gefaßt und kam zur Beobachtung seines Geisteszustandes in eine Anstalt.

137