Das Generalkommando in Straßburg, in das wir bald darauf einzogen, war ein altes Palais aus rotem Vogesensandstein, das um die Mitte des i8. Jahrhunderts erbaut war und in dem König Ludwig von Bayern das Licht der Welt erblickt hatte. Im Innern führte ein prächtiges Treppenhaus in Marmor zum Oberstock, wo ein riesiger Empfangssaal zu einer Flucht von schloßartigen Repräsentationsräumen überleitete. Hinter dem Speisezimmer lag das Napoleonzimmer, das seit der französischen Zeit unberührt geblieben war und ein Bild Napoleons III. in Lebensgröße zeigte. Dieses Gemälde wies auf der linken Brust das Loch einer Pistolen- kugel auf, die ein französischer Offizier bei der Kapitulation der Festung hineingeschossen haben soll.
Wilhelm II. hat einmal das Straßburger Generalkommando als das vornehmste in ganz Deutschland bezeichnet. Dem Äußeren entsprach auch die innere Ausstattung mit Möbeln, Teppichen, Spiegeln, Wäsche und Silber. Meine liebe Frau, die als Gattin eines Offiziers ohne einen Pfennig Vermögen gewohnt war, sehr genau zu rechnen, atmete erleichtert auf, als sich zeigte, daß wir unseren bescheidenen Hausrat gar nicht für die offizielle Repräsentation brauchten und uns die Privatzimmer damit so gemütlich machen konnten, wie wir es gewohnt waren.
In der Armee war es zwar üblich, daß jeder Regimentskommandeur seine Offiziere mit ihren Damen zu einfachem Abendessen in seinem Hause sah — bei steifen Gastgebern war auch diese Geselligkeit mehr gefürchtet als beliebt —, aber der Kommandierende General hatte nun einmal die Verpflichtung, ein gesellschaftliches Haus zu machen. Für diesen Zweck erhielt er außer seinem Gehalt besondere Repräsentationögelder, die aber im Vergleich zu dem Aufwand des vermögenden Bürgertums recht knapp bemessen waren. Schon mit Rücksicht auf das mir unterstellte Offizierkorps, das im allgemeinen mit Glücksgütern ebensowenig gesegnet war wie ich, war die Geselligkeit im Generalkommando von einfachstem Zuschnitt. Für prunkvolle Festlichkeiten sorgten der Statthalter von Wedel und seine liebenswürdige Gattin. Die Statthalterbälle im Kaiserpalast waren alljährlich der glänzende Mittelpunkt der gesellschaftlichen Veranstaltungen, von denen jeder Gast ein zierliches Kotillongeschenk als Andenken mit nach Hause nahm.
138