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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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mit. Den Obersten war es unbehaglich. Der neue Herr nimmt es verflucht genau.

Endlich geht's los! Musik, Kommandos, zappelnde Beine, zählende Flügelleute, 21 22 2z frei weg! Wagerecht fliegen die schwerbestiefclten Beine, schwupp, schwupp! Und da ist auch schon das Ereignis des Tages! Einem Leutnant fliegt das rechte Stiefelrohr (Gamasche) vom Bein, just am General vorbei. Famoser Schwung, mag der gedacht haben. .Verdammtes Luder!' fluchte der so gottlos Verlassene sicherlich. Da lag die gelbe Rolle! Schwupp! Der Kommißstiefel des Hintermanns in der Front nahm sie auf, schwupp, Tritt um Tritt, und als die Kompagnie vorbei war, meldete sich auch die treue Gamasche zur Stelle. Das Publikum wälzte sich! Dann kam das Unglück! Das Pech! Exzellenz waren ganz entsetzt. Die Paradegeometrie ging in die Binsen. Statt der minutiösen Geraden kam eine Kurve, ein Halbmond, ein ... Wir wissen nicht, wie krumm Exzellenz die Linie sahen. Wir hatten sie immer noch für leidlich gerade gehalten, aber was verstehen wir denn von dem (nach dem Kriegsminister nicht vorhandenen) Paradedrill?

.Alles zurück!' Jetzt ist der Kommandierende außer sich, den Obersten graust's, die Hauptleute schäumen und schwitzen, nur den Musketieren ist'S egal. Nicht aus Bosheit grinsen sie, natürlich nur tief innerlich, sondern eine liebe, neidlose Schadenfreude ist's, die sie erfüllt! Warum der Paradedrill, wenn er angeblich nicht mehr existiert? Beim zweiten und dritten .Vorbei' nicht viel besser! Der Musikmeister bekommt einen Anschnauzer, der Oberst einen Wischer, die Exzellenz hat noch ein tüchtiges Organ, das muß man ihm lassen, und die Bange vor dem .morgen' tut ein übriges.

Wir in Straßburg wissen ja, was das im Garnisonleben heißt: .morgen'. Diesmal kommt er selber, nicht irgendein Telegramm, das sich auf ihn beruft. So scheel wir die ewige Paraderei ansehen, so sehr wünschen wir im Interesse der braven Muskos, unseres Volkes paradegedrillter Söhne, daß es morgen glimpflich vorbei­geht, dann haben sie wenigstens einen frohen Abend und ersparen sich das Nachbimsen!"

Der fromme Wunsch des Artikelschreibers ist trotz seines unverantwortlichen Verbrauchs an Auörusungszeichen in Er-

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