füllung gegangen. Die Parade verlief sehr gut, und der Kaiser war durchaus befriedigt.
Mitte Juli mußte ich auf Einladung des KolonialkriegervereinS in Essen die Weihe seiner Fahne vornehmen, die ihm Herr Krupp von Bohlen und Halbach gestiftet hatte. Während meines Besuchs war ich Gast der Familie Krupp auf Villa Hügel. Am Tage nach der Fahnenweihe wurde ich unter sachkundiger Leitung durch die Riesenbetriebe der Kruppschen Werkstätten geführt, damals der größten Waffenschmiede Deutschlands. Für mich war es ein unauslöschlicher Eindruck, wie die Arbeiter im glühenden Sprühregen halb nackt und doch schweißgebadet vor den ungeheuerlichen Schmelzöfen hantierten und kaltblütig, mit ein paar geschickten Griffen die gewaltigen hydraulischen Hämmer bedienten, wo eine Ungeschicklichkeit den sicheren Tod brachte. Damals habe ich erkannt, was daS Durchhalten im Weltkriege bei ungenügender Ernährung für diese Männer bedeutet hat, von denen die Front ahnungslos per „Druckposten" sprach.
Nach Passierung strenger Kontrolle durste ich auch zusehen, wie eine „Dicke Berta", das gefeierteste Schwergewicht weiblichen Geschlechts der ersten Kriegsjahre, montiert wurde. Ein Meisterwerk der Ballistik und eine Tat unserer Ingenieure, der wir den raschen Fall der belgischen Festungen in erster Linie zu danken hatten.
Das Jahr 191z brachte für uns Soldaten schwerwiegende Ereignisse. Frankreich hatte im Februar die dreijährige Dienstzeit wieder eingeführt und stellte seine Rekruten schon mit dem 20. Lebensjahr ein. Gleichzeitig wurde ein neues Armeekorps an unserer Westgrenze, das XXI., formiert.
Auch Deutschland, das 1912 zwei neue Armeekorps, das XX. in Allenstein und das XXI. in Saarbrücken, aufgestellt hatte, wurde im Juni 191z vor eine neue Wehrvorlage gestellt. Danach sollte künftighin die Friedensstärke 1,20 Prozent der Bevölkerung statt wie bisher 1,10 Prozent betragen. Praktisch bedeutete das nur eine Erhöhung der Friedensstärke um 117000 Mann, davon die Hälfte im Oktober 191z, die andere erst zum Herbst 1914 und später. In Frankreich hatte dagegen der Prozentsatz der Friedensstärke 1,50 Prozent der Bevölkerung betragen und wurdejetztauf2,ioPro- zent erhöht.
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