Wir zogen in das alte Amtshaus an der Hauptstraße, ein dreistöckiger, gelbangestrichener Giebelbau. Unter dem Dach war eine Luke mit einer Winde, um das Heu auf den geräumigen Speicher zu schaffen. Aus dieser Luke hat einst ein sehr verhaßter Amtmann seinem eigenen Leichenbegängnis zugeschaut, erzählt die Sage. Als sich der Leichenkondukt gerade unten vor dem Hause in Bewegung fetzte, guckte plötzlich der verstorbene Amtmann in weißem Totenhemd und weißer Zipfelmütze aus der Luke und rief kläglich: „Nehmt mich auch mit." Wir Kinder hatten höllischen Respekt vor dem „Weißkäppler" und glaubten in der Dämmerung oft, die geheimnisvolle Gestalt in einem Winkel des großen Hauses verschwinden zu sehen. Ein ganz klein wenig waren wir aber auch stolz, daß unser altes Amtshaus sein eigenes Gespenst hatte, so wie die Königsschlösser ihre „weiße Frau".
Hinter dem Amt stieg ein großer, terrassenartiger Garten den Schloßberg hinan, für meine Erinnerung der schönste Garten der Welt, obwohl eö auch an nützlichen Gemüsebeeten nicht fehlte. Für mich, meinen um ein Jahr jüngeren Bruder Ferdinand und unsere Spielgefährten, „Sattlerkarle", den „Hörnlewalz" — so genannt, weil seine Stirnknochen knuppelartig vorstanden — und „Schuhmacher Baumanns Adolf" war es ein idealer Tummelplatz. Sie alle deckt schon der Rasen. Als ich vor ein paar Jahren auf Einladung der Demokratischen Partei in Hornberg sprach, holte mich der letzte noch lebende Spielgefährte von der Bahn ab. Jetzt ist auch er, der Hermann Aberle aus der mittleren Mühle, tot.
Zweimal täglich kam der Thurn- und Taxiösche Postomnibus mit Vieren lang in aller Gemütlichkeit durch das Städtchen geraffelt. Auf dem Bock saß der „Poschtl" in gelbem Frack, hellen Lederhosen, mit schwarzen Stulpenstiefeln und blies bei der Einund Ausfahrt lustige Lieder aus seinem Horn. An ereignisreichen Tagen, wenn der Omnibus nicht alle Reisenden fassen konnte, kam noch eine „Beichais" mit. Für uns Hinterwäldlerbuben war das Eintreffen der Post eine große Sehenswürdigkeit, und mit offenem Mund staunten wir die Leute an, die aus der uns unbekannten Welt jenseits der Berge kamen.
Das Schönste aber war für uns die „Meß", der Jahrmarkt mit Seiltänzem, Zauberern, Bären und Karussell. Vor allem be-
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