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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Herrlich war es auch, wenn wir Jungens Vieh hüten durften. Damals hielten sich die Hornberger Bürger noch selbst ihre Kühe oder doch zum mindesten Ziegen. Besonders schön war daS Tier­hüten im Herbst, wenn die Wälder in gelben und roten Farben leuchteten. Dann stahlen wir uns Kartoffeln vom Feld, machten ein Feuer an und rösteten dieErdapfel". Das schmeckte uns besser als Gansbraten zu Hause. Nach solchen kulinarischen Genüssen wollten wir natürlich auch rauchen wie die Großen. Dazu höhlten wir Nüsse aus, bohrten ein Loch hinein, in das ein Röhrchen gesteckt wurde, und fertig war die Pfeife. Die wurde mit trockenem Nußlaub voll­gestopft und dann lustig darauflosgeraucht, bis uns speiübel wurde; trotzdem war es unsagbar schön.

Eine frohe Abwechslung gegen die Eintönigkeit der Bürgerschule, wo ich nicht immer glücklich mit dem Gänsekiel hantierte, war es, wenn der Vater mich zu auswärtigen Gerichtsfahrten mitnahm. Dann durfte ich neben dem Kutscher auf dem Bock sitzen, während der Gendarm mit seinem Karabiner als Repräsentant der voll­ziehenden Gewalt neben meinem Vater Platz nahm. Wurde die Steigung der Straße zu steil, so stieg der Kutscher vom Bock und ging neben der Chaise her, während ich die Zügel halten durfte. So stolz bin ich niemals wieder in meinem Leben gewesen. Der schönste Augenblick einer solchen Fahrt aber war, wenn wir endlich die Paßhöhe erreichten und der freie Blick weithin über die Hoch­ebene schweifen konnte bis zu den blauen Bergen der Schwäbi­schen Alb.

Und wenn mir dann der Missionar der Hermhutergemeinde in Königsfeld von seinen Fahrten zu den Eskimos erzählte, packte mich kleinen Burschen aus dem abgeschlossenen Waldtal eine unbezwing- liche Sehnsucht nach der großen Welt. Wie konnte ich damals ahnen, daß ich vierzig Jahre später auf einem ganz anderen Kontinent, nämlich in Südwestasrika, Krieg führen würde gegen die Schwarzen.

Ein alljährlich wiederkehrender Festtag war für unS der 9. Sep­tember, der Geburtstag des GroßherzogS Friedrich I., auf den wir uns mächtig freuten, nicht nur weil wir schulfrei hatten. Da hingen wir unS Schärpen in den Landeöfarben rot und gelb um und zogen unter Führung unserer Lehrer bei feierlichem Glockengeläut vor das Rathaus, wo dann mein Vater an ein Fenster trat und die

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