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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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flüsterte mir die nächsten Stichworte zu. Da ging es plötzlich wieder wie geschmiert, und fließend trug ich das Gedicht mit verstärktem Schwung bis zu Ende vor, um zu retten, was noch zu retten war. Trostvoller Beifall dankte mir. Ich brauchte aber die Hälfte der dem mißglückten Festakt folgenden großen Ferien, um die Schlappe zu verwinden, die mein jugendlicher Ehrgeiz erlitten hatte.

In der Prima wurden wir mächtig von der Schule heran­genommen. Ost mußten wir beim trüben Schein des Unschlittlichts bis tief in die Nacht hineinochsen" undbüffeln". Petroleum­lampen waren damals noch Luxusgegenstände und nur für reiche Leute erschwinglich. Trotz aller Arbeit fanden wir aber immer noch genügend Zeit für Turnen und Schwimmen im Sommer und Schlittschuhlaufen sowie Tanzstunde im Winter. Auch einer Jugendwehr gehörte ich an, die mit ihren Holzgewehren auf dem Exerzierplatz des in Freiburg garnisonierenden 5. Badischen Regi­ments, der späteren uzer, übte. Wie stolz waren wir, als einmal der Kommandeur dieses Regiments uns belobte.

Als Primaner wurden wir von den Studenten zu späterem Eintritt in ihre Verbindungengekeilt" und zu diesem Zweck ge­legentlich auf ihre Kneipen eingeladen. Riesig forsch kamen wir uns vor mit dem gestickten Tabaksbeutel um den Hals, der Schwanen- halSpfeife im Mund und einem großen Topf Bier in der Hand. Be­geistert sangen wir die Lieder aus dem Lahrer Kommersbuch mit, tranken Schmollis und Bierjungen, rieben Salamander, bis es sich zeigte, daß uns die Studenten im Bierkonsum entschieden überlegen waren. Und wenn beim Rundgesang die Frage kam: Bruder, deine Liebste heißt?", dann nannte jeder errötend den Namen seiner Flamme. Die meinige hieß Josephine. Ich glaube, sie ahnte es aber nicht. Denn sie erschien mir derart erhaben, daß ich ihr nur von weitemnachzusteigen" und höchstens vor ihr zu deckeln" wagte.

Am Morgen nach der Kneipe, wenn sich ein physisch-moralischer Kater einstellte, schwor ich in meiner Not, nie wieder aus eine Kneipe zu gehen. Allzuoft brauchte ich allerdings solche Falscheide nicht zu leisten, denn ich mußte mir mein Taschengeld durch Nach­hilfestunden selbst verdienen, und die Konkurrenz drückte die Preise.

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