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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
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Gute Kameraden habe ich viele im Freiburger Lyzeum gefunden. Meine besten Freunde waren Hermann Weber, der später gleich mir Offizier wurde, Daniel Mayer, ein Jude aus Nonnenweier, später Rechtsanwalt in Freiburg, und Constantin Fehrenbach, der spätere Reichskanzler. Da Fchrenbach Theologie studieren sollte, trat er in das katholische Knabenseminar ein, das wirKapaunium" nannten. Bald schwang er sich zum Primus der Klasse auf. Erst nach be­endetem theologischen Studium hat er zur Jurisprudenz umge­sattelt und ist Rechtsanwalt in Freiburg geworden.

In meine Schulzeit fielen die Jahre 1866 und 1870/71. 1866 schwärmten wir, wie ganz Süddeutschland, für Österreich. Ein gebürtiger Preuße, der in unsere Klaffe ging, hatte die unangenehme Aufgabe, sich von der österreichischen Übermacht, die wir andern darstellten, häufig besiegen zu lassen.

Am Abend der Schlacht von Königgrätz wurde zur Feier einer falschen Meldung, die von einem Sieg der Österreicher berichtete, die Münsterpyramide bengalisch beleuchtet. Am nächsten Tage stellte sich heraus, daß eine voreilige Siegesmeldung schon am Mittag des Schlachttages abgegangen war, als die Sache der Öster­reicher bei ihrer numerischen Überlegenheit noch günstig stand. Erst mit dem Eintreffen der Armee des preußischen Kronprinzen am Nachmittag, wurde die Schlacht mit der Erstürmung der Höhe von Chlum durch die preußische Garde zu einer entscheidenden Nieder­lage für Österreich. Durch diesen Sieg gewannen die Gestalten von Bismarck und Moltke immer breiteren Raum in unserer jugend­lichen Phantasie.

Nach ein paar Jahren donnerten abermals die Kanonen in das Einerlei unserer Schulzeit hinein. Am Abend des 15. Juli 1870 ging es wie ein Lauffeuer durch ganz Freiburg: die iizer haben Befehl erhalten, noch heute nacht nach Rastatt abzurücken und dort mobilzumachen. Es geht los, gegen die Franzosen.

Eine unbeschreibliche vaterländische Begeisterung stammte unter der Jugend auf. Sofort meldete sich eine große Zahl von Studenten der Freiburger Universität als Kriegsfreiwillige. Auch von meiner Klasse gingen einige der Älteren freiwillig ins Feld, sehr beneidet von uns Zurückbleibenden, die wir noch nicht das vorgeschriebene Alter hatten.

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