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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Da das ganze südliche Baden von Truppen entblößt war, stand der Einbruch französischer Streifkorps zu befürchten. Darum wurden bis auf weiteres die Schulen geschloffen, eine übereifrige Maßnahme, die aber nicht verfehlte, unsere Begeisterung noch zu erhöhen. Auch eine Bürgerwehr wurde gebildet zur Sicherung gegen allerlei Gesinde!, das in der erregten Phantasie besorgter Stadt- väter spukte. Auch ich meldete mich mit meinen Schulfreunden zur Bürgerwehr. Wir bekamen als Abzeichen eine rotgelbe Armbinde und als Waffe einen Totschläger. So mußten wir das Gelände um die Stadt und die nach dem Rhein führenden Straßen abpatrouil- lieren. Trotz aller Aufmerksamkeit konnten wir weder französische Streifkorps, Spione oder gefährliches Gesinde! entdecken. Aus Mangel an Erfolgen entschlummerte die Bürgerwehr nach kurzer Zeit.

Schlag auf Schlag kamen jetzt die Nachrichten vom Sieg bei Wörth, der die Arniee Mac Mahonö zertrümmerte, von den Schlach­ten bei Metz, durch die Bazaine in der Festung eingeschlossen wurde, und schließlich von Sedan, wo die letzte französische Feldarmee mit dem Kaiser Napoleon an der Spitze in Gefangenschaft geriet. Diese Siegesbotschaften lösten ungeheuren Jubel in Freiburg aus. Immer gewisser wurde die Zuversicht, daß die Auferstehung eines geeinten deutschen Kaiserreichs der Siegespreis sein werde.

Als die Belagerung Straßburgs begann, sind wir oft auf den Kaiserstuhl gewandert und haben bei Nacht das Bombardement der Festung beobachtet. Deutlich sahen wir den feurigen Schweif der in hohem Bogen in die Stadt fliegenden Bomben, bei deren Einschlag mit Hellem Feuerschein Brände aufflammten. Wenige Tage nach der Kapitulation sind wir Oberprimaner unter Führung unseres Geschichtsprofessors nach Straßburg gefahren und haben uns die Stadt ansehen dürfen. Die Zitadelle, die Vorstadt am Steintor und die hinter der Hauptangriffsfront gelegenen Stadt­teile waren in Trümmer geschossen. Museum, Rathaus, Theater, Bibliothek, Gymnasium und andere öffentliche Gebäude waren den Flammen zum Opfer gefallen, zum Teil stieg noch der Rauch aus den Ruinen. Der Eindruck auf uns war überwältigend.

Noch einmal kamen für Freiburg Tage banger Sorge, als im Januar 1871 die Armee Bourbakis gegen das von uns belagerte

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