Exerzieren wurde mir leicht, und meine Vorgesetzten verstanden es, meinen Ehrgeiz zu wecken. Bald benutzte mich der Sergeant als Gehilfe, und ich durfte mit Däschle Griffe kloppen.
Dagegen erschienen mir die Vorlesungen über Pandekten, die ich nach dem Dienst in der Universität hörte, hoffnungslos ledern. Dazu kam, daß die Begeisterung für die eben durchlebte Zeit mit ihren großen militärischen Siegen mir den Offiziersberuf idealisierte. Als mich am Ende der Einjährigenausbildung unser Jnstruktions- offizier fragte, ob ich nicht Lust hätte, Berufssoldat zu werden — da war's um mich geschehen. Nach einigem Widerstreben erhielt ich die Einwilligung meines Vaters. Das Regiment nahm mich als Avantageur an, und bald konnte ich mir die Gefreitenknöpfe an den Kragen heften. Bei meiner ersten Wache stand ich als Posten vor der Dienstwohnung des Divisionskommandeurs. Vierzig Jahre später war ich selbst das Schreckgespenst dieses Postens.
Im Sommer des nächsten Jahres wurde ich als Fähnrich auf die Kriegsschule nach Hannover kommandiert, wo zum Ausgleich der Kriegsverluste in abgekürzten Kursen neuer Offiziersersatz herangebildet wurde. Die Woche über kamen wir kaum aus der Anstalt heraus. Wir wurden tüchtig rangenommen in Taktik, Waffenlehre, Befestigungslehre, Planzeichnen, Turnen, Fechten und Reiten. Nur am Sonntag fand ich Zeit, mir die große Stadt anzusehen, deren breite Straßen und prächtige Bauten mir gewaltig imponierte,!.
Als ich nach bestandenem Offiziersexamen wieder in die Heimat kam, wurde ich von Verwandten und Freunden als weitgereister Mann bewundert. Eine Fahrt über den Main ins Preußische hinein galt damals für die Badener immer noch als eine Art von Auslandsreise.
Im April 187; wurde ich zum Second-Leutnant ernannt. Es war erreicht! Mit welchem Hochgefühl ich als Zwanzigjähriger zum erstenmal die Epauletten durch Freiburgs Straßen trug, den Säbel an der Seite, kann nur der ermessen, der es an sich selbst erlebt hat. Zweifellos war ich von der Bedeutung meiner neuen Stellung mehr durchdrungen, als es gerechtfertigt war. Aber wer führen will, muß auch stolz sein auf seine Verantwortung, sonst taugt er nicht zum Führer.
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