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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Bei der Zuteilung zur 4. Kompagnie hatte ich besonders Glück, denn ich kam zu einem Kompagniechef, der im Kriege die Wichtig­keit des Felddienstes erkannt hatte. Das war mir um so wertvoller, als trotz aller Erfahrungen im Felde immer noch übertriebener Wert auf das Exerzieren in geschlossenen Formationen gelegt wurde. Wieviel Zeit und Schweiß wurden auf das Einüben von Bewegun­gen nach friderizianischem Muster verwendet, deren Zwecklosigkeit bei der geänderten Waffenwirkung ganz offenbar war.

Damals begann auf Grund der zwischen Baden und Preußen abgeschlossenen Militärkonvention ein reger Austausch von Offi­zieren. So bekam das Freiburger Regiment ein preußischer Oberst Dunin von Prczychowski, während sein badischer Vorgänger eine Brigade in Flenöburg erhielt. Nur Pädagogen von ungewöhnlichem Talent haben vermocht, den badischen Rekruten den polnischen Namen ihres preußischen Kommandeurs einzutrichtern.

Die preußischen Kameraden waren durchweg tüchtige Offiziere und liebenswürdige Gesellschafter. Trotzdem konnten wir Badener wenigstens in der ersten Zeit nicht so recht warm mit ihnen werden und sie nicht mit uns. Die Preußen sind nun einmal in ihrem Wesen versMeden von den Süd- und Westdeutschen. DaS erklärt sich ganz natürlich aus der geschichtlichen Vergangenheit:

In den weiten Gebieten östlich der Elbe hat sich das Preußentum . jahrhundertelang gegen das vordringende Slawentum wehren müssen. Diese unablässigen Kämpfe haben ein hartes, kriegerisches ^ Volk heranwachsen lassen, dessen soldatische Tugenden in erster i Linie entwickelt wurden. Eine Jahrhunderte alte, unvergleichliche j Schule des Gehorsams, der Zucht und des Pflichtgefühls, aber ' auch des Machtgedankens und des Gewaltprinzips kurz dessen, waS man alsMilitarismus" bezeichnet hat.

Ganz anders war die Entwicklung des südlichen und westlichen Deutschland. Diese Gebiete hatten schon ihre alte Geschichte und , hohe Kultur, die Dome von Köln, Straßburg und Freiburg waren schon im Entstehen, bevor von einemPreußen" überhaupt die Rede war. Rege geistige und wirtschaftliche Beziehungen nach Westen und Süden weckten Verständnis für die anderen Völker und ihre Lebensbedingungen. Auch der demokratische Gedanke aus der Urzeit des germanischen Volksstaats ist in Süddeutschland

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