Dokument 
Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
Seite
26
Einzelbild herunterladen

niemals ganz zugrunde gegangen. Er war wohl im Mittelalter wenig sichtbar, aber er lebte doch weiter wie ein Funke unter der Asche. So ist der Süd- und Westdeutsche von Natur freier, herz­licher und findet leichter die Brücke zum Mitmenschen, auch zu an­deren Schichten, als der Preuße.

In unserem Regiment bildeten sich zwei Cliquen, die Preußen und die Badener, die am liebsten unter sich blieben. Eines Tages - nahm sich der Kommandeur das Osfizierkorps zusammen und L- verbat sich energisch die getrennten Lager. Mehr als diese Rede hat allerdings die Zeit durch gegenseitige Gewöhnung ausgleichend gewirkt. Im übrigen ist durch die preußischen Offiziere ein frischer Zug in den Dienstbetrieb gekommen, über den sich jeder wahre Soldat nur freuen konnte.

Leider wurde auch das gesellschaftliche Leben im Offizierkorps, das nach badischer Sitte in mancher Hinsicht sehr frei war und den Begriff der Exklusivität nicht kannte, nach preußischen Grundsätzen neu geregelt. So gab es einen furchtbaren Krach, als unser Oberst erfuhr, daß ein alter badischer Leutnant nach des Dienstes Mühsal zusammen mit Zivilisten in Hemdöärmeln zu kegeln pflegte.

Im Laufe der nächsten Jahre wurden die meisten badischen Offi­ziere in preußische Regimenter versetzt. Im August 1875 ereilte auch mich das Schicksal, ich wurde in das Holsteinische Infanterie- Regiment Nr. 85 versetzt, das in Rendsburg, Neumünster und Kiel garnisonierte. Mir kam diese Veränderung sehr gelegen, denn ich war nachgerade dem Elternhaus, in dem ich immer noch wohnte, entwachsen und sehnte mich nach größerer Selbständigkeit. Mein guter Vater gab mir nach bewegtem Abschied noch das Geleit zum Bahnhof. Es sollte das letztenmal sein, daß ich ihn gesehen hatte.

Mein neues Regiment traf ich im Lockstedter Lager bei Jtzehoe, wo es zum Exerzieren in größerem Verband zusammengezogen war. Der Regimentskommandeur, ein Hesse, nahm den jungen süddeutschen Landömann herzlich auf, und auch meine Kameraden begegneten mir mit großer Freundlichkeit.

Alles war fremd und neu für mich. Vor allem mußten sich meine an Berge gewohnten Augen erst auf die endlose Flachheit der Landschaft umstellen, die nur durch die charakteristischen Kop­peln und Knicks belebt wurde. Jetzt verstand ich erst jenen nord-

26