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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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mir mein Vater geben konnte, und das Leutnantsgehalt von 75 Mark hatte ich aber das Richtige gefunden.

Das gesellschaftliche Leben spielte sich in nichts weniger als luxuriösen Formen ab. Im Kasino tranken wir meist nur ein Glaö Bier. Wein gab es nur bei besonderen Gelegenheiten, beiLiebeö- mahlen" zu Ehren scheidender Kameraden, und dann auch in der haushälterischen Form einer Bowle. Abends nach dem Dienst trafen wir uns in einer Bierwirtschaft, die wegen ihrer großen Butterbrote, so einmal um den Leib herum mit reichlichem Auf­schnitt, sich großer Beliebtheit erfreute. Zu dieser Abendrunde gehörte auch der Armeesührer aus dem Weltkrieg, General der Artillerie von Gallwitz. Damals erregte er unsere Bewunderung dadurch, daß er es fertig brachte, zwischen zwei Schoppenlängen zwei sechsstellige Zahlen im Kopf zu multiplizieren. Im Winter gab es dann noch Abendeinladungen bei den verheirateten Offi­zieren, sogenannteKommißpekkos" und ab und zu Kasino- und Harmoniebälle, aus denen wir den hübschen Rendsburger BürgerS- töchtern nach Kräften den Hos machten.

Die viel verbreitete Ansicht, daß in den Offizierkorps der alten Armee Luxus geherrscht habe, beruht auf Übertreibung. Es hat wohl einzelne reiche Kavallerieregimenter gegeben, die durch übertriebenen Auswand unangenehm auffielen, aber im allgemeinen hat der Offizier nicht anders gelebt als die entsprechenden bürgerlichen Schichten. Besonders bei der Infanterie waren vermögende Offi­ziere selten, und ein mittlerer Studentenwechsel gehörte schon zu den Ausnahmen.

Nachdem ich ein Jahr Zeit gehabt hatte, mich in Rendsburg zu akklimatisieren, wurde ich auf die Zentralturnanstalt nach Berlin kommandiert, ein Glückösall, von dem jeder Leutnant in der Pro­vinz träumte. Wir wollten doch alle die Wunder von Berlin aus eigener Anschauung kennenlernen. Der Dienst in der Turnanstalt dauerte nur den Vormittag über. Am Nachmittag hingen wir die Uniform an den Nagel und zogenden" Zivilanzug an, um die Hauptstadt nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht gründlich zu studieren. DasTheater amerikäng", ein bescheidener Vorläufer der heutigen Revuen, war damals die Hauptattraktion für uns Provinzonkels.

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