Nach meiner Rückkehr zum Regiment erhielt ich die Nachricht von dem Tod meines Vaters nach kurzer Krankheit. Ich konnte gerade noch zur Beisetzung zurechtkommen. Meine Mutter, die auf ihre bescheidene Witwenpension angewiesen war, sah sich außerstande, mir weiter eine Zulage zu gewähren. Da sprang großmütig ein Schwager meines Vaters, einer der bekanntesten Ärzte von Karlsruhe, ein.
Als ich damals mit meinen ehemaligen Regimentskameraden in Freiburg zusammenkam, wurde mir wiederholt mit leichtem Vorwurf gesagt, ich sei ein reiner Preuß' geworden. Äußerlich mag etwas Wahres daran gewesen sein, innerlich aber bin ich immer Süddeutscher geblieben.
Im folgenden Jahr (1878) hatte ich eine Glückssträhne. Erst wurde ich zum Bataillonsadjutanten ernannt und stieg damit auf zu den von allen Infanteristen beneideten berittenen Offizieren mit ritterlichen Sporen am Stiefelabsatz. Wenige Wochen später verlobte ich mich mit Elisabeth von Otto, die ich im Hause eines Regimentskameraden kennengelernt hatte. Der Vater meiner Braut war Gutsbesitzer auf Karlsberg bei Mansfeld gewesen. Nach seinem Tode hatte meine Schwiegermutter, eine geborene von Sperling, Schwester des bekannten Stabschefs aus dem Kriege 1870/71 und Tante der verstorbenen Frau des Reichspräsidenten von Hindenburg, das Gut verkauft und war mit ihren sechs Kindern nach Eisleben gezogen. Meine Braut besaß das sogenannte Kommißvermögen von 12 000 Talern, das damals für einen Leutnant zur Erlangung des Heiratskonsenses gefordert wurde.
Also verlobt! Lang, lang ist's her. Ein halbes Jahrhundert ist seit jener seligen Zeit verstrichen. Der Bräutigam ist ein Greis, und aus der jungen Braut ist eine Siebzigerin geworden.
Während ich dieses schreibe, gleitet mein Blick dankbar hinüber zu ihr. Sie sitzt mir gegenüber und strickt. Noch immer ist sie tätig von früh bis spät und sorgt ohne Unterlaß, wie sie eS ihr ganzes Leben lang in Liebe und Treue für mich und unsere Kinder getan hat. Tapfer ist sie mit mir durch all den Schmutz gewatet, den man dem alten Offizier wegen seines Eintretens für den heutigen Staat auf den Weg geworfen hat, und sie geht auch heute noch mit mir durch dick und dünn. Die Großtante hatte schon recht, als sie mir
29