Beruf. Dazu kam, daß wir ausgezeichnete Lehrer hatten. Besonders gern denke ich an den damaligen Major Colmar Frhr. von der Goltz, den späteren Goltzpascha und Reformator der türkischen Armee, zurück, der uns die Feldzüge Friedrichs des Großen und Napoleons unter Nutzanwendung auf moderne Verhältnisse vortrug.
Zuletzt habe ich Goltz im Jahre 1914 vor Vpern gesehen. Er war damals Generalgouverneur von Belgien, hielt sich aber trotz seines Alters — er war damals schon über siebzig — mehr an der Front als in Brüssel aus. Eines Tages suchte er mich aus meinem Gefechtsstand auf. Sein Auto war von Schrapnellkugeln durchlöchert, und wenige Wochen später wurde er bei einem Besuch in der vordersten Linie verwundet. Nach seiner Genesung wurde er wieder in die Türkei geschickt, wo er unter schwierigsten Verhältnissen das Menschenmögliche geleistet hat. Im April 1916 starb er am Flecktyphus in Damaskus.
Als ich zur Kriegsakademie kam, war ich der Ansicht, die jetzt noch viele Laien haben, daß Strategie eine Art von Geheimwissen- schast sei. Bald wurde mir das Verkehrte dieser Meinung klar. Strategie ist überhaupt keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Sie hat wohl militärische Kenntnisse zur Voraussetzung, aber sie ist vorwiegend eine Sache durchdringenden Verstandes, umfassenden Blickes und hoher Charaktereigenschaften. Man kann Strategie nicht erlernen, wenn man diese Voraussetzungen nicht in sich hat. Theoretische Studien können nur den Zweck haben, die Urteilskraft zu schärfen.
Aus den geistvollen Vortrügen von Goltz lernten wir auch die Gedanken des Generals von Clausewitz kennen, des großen Lehrmeisters des preußischen Generalstabs, dessen Werk „Vorn Kriege" in allen Armeen als klassisch gilt.
Eine der Hauptlehren von Clausewitz lautet, daß „der Krieg nichts ist als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel". Der Feldherr ist also das Exekutivorgan der politischen Leitung eines Staates. Wie war es aber im Welt- 1 krieg? Anstatt daß die politische Leitung die Kriegsführung an festen ! Zügeln hielt, so wie es Biömarck dem alten Moltke gegenüber getan 1 hat, ist im Weltkrieg der Staatsmann in eine verhängnisvolle t Abhängigkeit von dem rücksichtslosen Willen des Feldherrn geraten, s
31