Dann ging es nach Berlin in die „Große Bude", wie das Generalstabsgebäude am Königsplatz in der Armee genannt wurde. Im November war „Plattenparade" vor dem alten Feldmarschall Moltke. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er als Achtziger am Tisch saß mit seinem feinen, scharf gemeißelten Profil. Der Augenblick, als ich dem großen Strategen und Sieger vieler Schlachten meine Arbeit vorlegte und ein paar freundliche Worte bekam, hat auf mich großen Eindruck gemacht.
Bald darauf kam ich in die Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabes und wurde der Sektion zugewiesen, die Mobil- machungs- und Aufmarschtransporte bearbeitete. In jedem Winter mußte diese gewaltige Arbeit von neuem geleistet werden, denn an jedem l. April begann ein neues Mobilmachungöjahr, das andere Vorbereitungen erforderte. Weihnachtsfeiertage kannte die Eisenbahnabteilung nicht. Zunächst bekam ich die holsteinischen Bahnen als Spezialgebiet. Die rechte Hand meines Chefs war Hauptmann Budde, der spätere Eisenbahnminister. Er hatte die Fahrpläne unter sich und die Verteilung der Lokomotiven. Bei uns hieß er einfach „der Mann mit dem Koks".
In dieser Zeit herrschte eine besonders lebhafte Tätigkeit in der Eisenbahnabteilung, die mit dem strategischen Ausbau des bisher vernachlässigten Bahnnetzes im Osten zusammenhing. So wirkten sich schon damals die zunehmende Spannung zwischen Deutschland und Rußland und die Befürchtung vor einer russisch-französischen Allianz aus. Für einige Zeit wurde ich zur Eisenbahndirektion Berlin abkommandiert, um Fährbetrieb und Verwaltung kennenzulernen. Einmal wurde ich auch beurlaubt zur Erkundung russischer Bahnen. Diese Reise führte mich bis nach Kiew. Zuletzt habe ich die streng geheimen „J-Transporte" bearbeitet, d. h. die Heranführung von fünf italienischen Armeekorps und zwei italienischen Kavallerie-Divisionen an den Oberrhein. Diese Transporte sollten nach dem Dreibundvertrag durch Österreich geleitet und von uns an den Grenzstationen übernommen werden. Ein eigenartiges Zusammentreffen wollte es, daß ich bei Auöbruch des Weltkrieges Kommandierender General in Straßburg war, wohin die italienischen Hilfötruppen transportiert werden sollten. Schon am z. August 1914 erhielt ich ein Telegramm aus Berlin: „Eintreffen der
34