Heute hört man in der alten Generation oft bittere Klagen darüber, daß die deutsche Jugend nicht mehr durch die Schule der militärischen Zucht gehen kann. Gewiß, für viele, wohl für die meisten, war die Militärzeit ein Gewinn.
Aber wie lange ist eS denn her, daß die allgemeine Wehrpflicht bei uns eingeführt wurde? Erst hundert Jahre. Hat es denn vorher nicht auch tüchtige Männer in Deutschland gegeben! Zeigt nicht ein Blick auf die Länder ohne Volksheer, wie Amerika, England und die nordischen Staaten, daß auch ohne die Kaserne mannhafte Geschlechter heranwachsen können. Wer glaubt, daß unsere Jugend Schaden an Leib und Seele erleiden müsse, weil ihr der militärische Drill fehlt, der stellt dem deutschen Volk doch ein trauriges Armutszeugnis aus. Was die andern können, daS können wir auch! Laßt die Jugend Sport treiben. Er stärkt Körper, Geist und Willen und erzieht zur Disziplin, weil er freiwillige Unterordnung unter das Ganze fordert. Ein durch Sport körperlich und seelisch gestärktes Geschlecht wird auch immer seinen Mann stehen, wenn daS Vaterland in Gefahr ist.
WaS unserer heutigen Jugend fehlt, ist nicht der Kasernendrill, sondern die staatsbürgerliche Erziehung zu politischer und sozialer Verantwortung. Der einzelne Mensch lebt heute mehr in der Öffentlichkeit als in vergangenen Jahrhunderten. Früher haben die Fürsten nach Familien- oder Landesintereffen Politik gemacht, während Bürger und Bauer strammstehen mußten mit den Händen an der Hosennaht. Sie waren eben „Untertanen". Dieser Untertanengeist steckt heute noch vielen Deutschen der älteren Generation im Blut und nimmt ihnen den Mut, sich als freie Staatsbürger zu fühlen und zu betätigen. Anstatt stolz zu sein auf Rechte und Pflichten, anstatt freudig mitzuarbeiten am Staat, stehen sie gleichgültig beiseite oder lassen sich gar von unverantwortlichen Drahtziehern ins Schlepptau nehmen.
In die Zeit meiner Bataillonsführung in Mülhausen fiel eine Episode, die ich nicht unerwähnt lassen möchte, weil sie die Veranlassung zu den ersten Presseangriffen gegen mich war.
In dem sonst so kameradschaftlichen Offizierkorps des Regiments war es um Weihnachten 1899 zu einem Ehrenhandel zwischen zwei jungen Leutnants gekommen, der zu einem Pistolenduell
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