er hiergegen in Übereilung oder Erregung gefehlt, so handelt er ritterlich, wenn er an seinem Unrecht nicht festhält, sondern zu gütlichem AuSgleich die Hand bietet. Nicht minder muß derjenige, dem eine Beleidigung widerfahren ist, die zur Versöhnung gebotene Hand annehmen, soweit Standeöehre und gute Sitten es zulassen."
Im Sommer 1900 wurde ich unter Beförderung zum Oberstleutnant als Abteilungschef in den Großen Generalstab versetzt. Ich hatte die Kriegsgliederung des deutschen HeereS und die Anweisungen für den Grenzschutz und den Aufmarsch für den Kriegsfall zu bearbeiten.
Meine dienstliche Stellung brachte es mit sich, daß ich dem Generalstabschef, dem Grafen Schliessen, häufig Vortrag zu halten hatte. In seinem kleinen Arbeitszimmer saß der alte Herr, eine große, schlanke Reiterfigur, immer mit dem Rücken gegen das Fenster und beobachtete schweigend mit eingeklemmtem Monokel seinen Besucher, als ob ihm das Studium deS Menschen wichtiger sei als alle klugen Worte. Er ließ jeden ausreden, ohne durch eine Miene die eigene Ansicht zu verraten. Diese unerschütterliche Zurückhaltung brachte mich anfangs fast zur Verzweiflung. Bald aber wurde ich gewahr, daß in diesem ernsten, wortkargen Mann ein leidenschaftlicher Wille brannte; ein großer Soldat saß mir gegenüber, der nicht in Einzelerfolgen dachte, sondern dem die Vernichtung des Gegners das Endziel aller Operationen war.
Dieser leidenschaftliche Wille zum Sieg ist es auch, der in Schliessens Operationsplan für den Zweifrontenkrieg zum Ausdruck kommt.
Die Idee dieses sogenannten „Schlieffenplans", wie ich ihn bei Übernahme der 2. Abteilung vorfand und wie er auch unserem Heeresaufmarsch 1914 — allerdings in stark verwässerter Form — zugrunde gelegen hat, war folgende:
Die Masse des deutschen Heeres sollte zunächst zum Angriff gegen Frankreich verwendet werden. Diesen gefährlichsten Feind galt es möglichst schnell zu schlagen, um dann die sreiwerdenden Kräfte mit der Eisenbahn nach Osten gegen die Russen zu werfen, die inzwischen durch schwache deutsche Kräfte im Verein mit den österreichischen Bundesgenossen in Schach zu halten waren.
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