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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Um den entscheidenden Schlag gegen Frankreich schnell führen zu können, durfte man nicht gegen die starke Festungsfront Belfort- Verdun anrennen, zumal dieser Frontalangriff durch ein Vorgehen der Franzosen durch Belgien umfaßt werden konnte. Sondern man mußte die Festungsfront umgehen.

Durch die Schweiz zu gehen, verbot sich mit Rücksicht auf das schwierige Gelände, die Schweizer Armee und den Schutz des rheinischen Industriegebiets. Also blieb nur die Umgehung durch Luxemburg und Belgien.

Schliessen war sich des politischen Risikos der Neutralitäts­verletzung bewußt. Aber sie war ein Gebot der Not. Es blieb nichts anderes übrig, wie wir nachher noch sehen werden. Übrigens wußte auch der Reichskanzler lange vor Kriegsausbruch, daß der Einmarsch in Belgien beabsichtigt war. Die Umgehung war als eine große Linksschwenkung mit Anlehnung des inneren Flügels an Metz-Diedenhofen gedacht. Fast das gesamte Westheer sollte diese Schwenkung ausführen und im Vorwärtsschreiten durch Belgien und Nordfrankreich jede Stellung umfassen, in der sich die Franzosen dieser gewaltigen AngriffSwalze entgegenstellen würden. Besonders stark und tief gestaffelt sollte der rechte Flügel sein. Hier sollten zwei, ja drei Armeekorps hintereinander auf einer Straße marschieren.

Mit diesem starken rechten Flügel sollten die Schlachten ge­wonnen, die Franzosen immer wieder zum Weichen gebracht und unausgesetzt verfolgt werden.

Wie weit ausgreifend sich Graf Schliessen die Umfassungs­operation dachte, wird durch einen Ausspruch symbolisiert, an den ich mich entsinne und der lautete:Der rechte Flügelmann des vormarschierenden deutschen Heeres muß mit dem Ärmel am Meere entlangstreifen."

Den gleichen Gedanken brachte er in seiner letzten Denkschrift vom Jahre 1905 zum Ausdruck, indem er die Umgehung westlich und südlich um Paris herum fordert:Es muß durchaus versucht werden, die Franzosen durch Angriff auf ihre linke Flanke in öst­licher Richtung gegen ihre Moselfestungen, gegen den Jura und gegen die Schweiz zu drängen. Das französische Heer muß ver­nichtet werden."

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