im Westen über die dort belassene deutsche Minderheit an Streit- kräften einen entscheidenden Erfolg erringen und bis an den Rhein gelangen. Damit aber war das rheinisch-westfälische Industriegebiet auf das äußerste gefährdet, das Saarkohlenrevier und das Erzbecken in Lothringen waren verloren. Ohne sicheren Besitz dieser Bezirke aber war eine Kriegführung für uns überhaupt unmöglich.
Warum — so wenden die Kritiker ein — hat man denn nicht beizeiten die ganze Westfront von Aachen bis Mülhausen mit einer zusammenhängenden Befestigungslinie gepanzert? Hinter einem solchen Panzer hätten auch schwache Truppen die Feinde so lange aufhalten können, bis die vereinigten deutsch-österreichischen Heere die Russen entscheidend schlugen. Denn ewig konnten diese nicht ausweichen, sondern irgendwo — und wäre es selbst erst vor Moskau — mußten sie sich stellen.
Jawohl — aber die Befestigung der Westgrenze hätte Milliarden gekostet; wie sollten diese riesigen Mittel neben dem Aufwand für die Flottenrüstung aufgebracht werden? Und selbst wenn daS möglich gewesen wäre, war es doch kein Arkanum des Sieges; denn die Grenzbefestigung blieb immer der Gefahr der Umgehung durch neutrales 'Gebiet ausgesetzt.
Nein, es blieb nur die Schlieffenlösung; sie allein bot die Wahrscheinlichkeit, den Krieg erfolgreich und schnell zu beenden.
Somit lag für den Durchmarsch durch Belgien ein Notstand vor. Trotzdem aber bleibt es ein Unrecht und eine Verletzung des Völkerrechts.
Diesen Standpunkt nahm auch Bethmann Hollweg in seiner Reichstagsrede vom 4. August 1914 ein. Er gab trotz Berufung auf Notstand und Notwehr das Unrecht zu, das wieder gutgemacht werden müsse.
Der Krieg ist ein roh gewaltsam Handwerk; wo es sich um die Existenz der Nationen handelt, geht er brutal über die papiernen Paragraphen und Satzungen hinweg. So hat auch England das Völkerrecht verletzt, als es im Weltkrieg die Hungerblockade über Deutschland verhängte und damit Krieg führte gegen Frauen, Kinder und Greise.
So wird es auch in Zukunft sein: um das Giftgaöverbot wird
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