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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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sich kein Feldherr kümmern, wenn er glaubt, damit einen raschen Sieg erkämpfen zu können.

Hier gibt es nur ein wirksames Mittel: Krieg dem Kriege! Schafft den Appell der Politik an die Gewalt der Waffen ab, dann wird es ein heiliges Völkerrecht geben.

Der Arbeit als Gehilfe von Schliessen danke ich militärisch sehr viel. Er war ein großer Lehrmeister. Und doch kann ich mich nicht rühmen, daß der hartnäckige Schweiger sich mir ganz erschlossen hätte, obwohl er zu seinen alljährlichen Erkundungsreisen an die Grenzen nur mich und einen Adjutanten mitnahm. Wir fuhren dann in Zivil in einem Zweispänner durch das Land.

Schliessens Arbeitskraft war erstaunlich, ebenso seine körper­liche Zähigkeit. Noch in hohem Alter saß er wie ein Jüngling zu Pferde und legte große Ritte ohne Ermüdung zurück. Auf den Generalstaböreisen konnte man oft die Lampe in seinem Zimmer bis drei Uhr früh brennen sehen. Wenige Stunden später stieg er dann vollkommen frisch zu Pferde. Auch von seinen Generalstabs­offizieren verlangte er die gleiche Ausdauer, um sie schon im Frieden auf die Anforderungen des Krieges vorzubereiten.

Als Generalstabschef hatte er auch die Kaisermanöver zu leiten. Seine Schlußkritiken waren immer geistreich und belehrend, aber oft recht scharf und nicht immer frei von Sarkasmus und darum von den Führern gefürchtet. Bei den Kaisermanövem hat man ihm zum Vorwurf gemacht, daß er den Kaiser immer siegen ließ. Schliessen pflegte zu sagen:Man kann im Zweifel sein, ob es richtig ist, daß der oberste Kriegsherr selbst führt. Aber darüber kann kein Zweifel bestehen, daß er siegen muß, wenn er führt." Sein Nachfolger Moltke hat wohl die richtige Lösung dieser Frage gefunden, indem er den Kaiser bestimmte, auf die persönliche Führung im Manöver zu verzichten.

Ein persönliches Erlebnis möchte ich noch erzählen, das die ritterliche Gesinnung des Grafen Schliessen zeigt. Bei einem Ver­trag unterbreitete ich ihm einen Vorschlag auf organisatorischem Gebiet, auf den er nicht eingehen wollte. Als ich trotzdem meine An­sicht wohl etwas reichlich impulsiv verfocht, schlug er schließlich mit der Faust auf den Tisch und wurde einfach sacksiedegrob, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Am nächsten Vormittag klopfte

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