aufgefüllt und ergänzt war — über die Hälfte war durch Krankheit ausgefallen —, bat ich General von Trotha um die Erlaubnis, meinen Truppen voraus nach dem Süden abmarschieren zu dürfen. Ich wollte mich möglichst rasch mit dem Gouvemeur Leutwein in Verbindung setzen, der die Hottentotten aus langjähriger Erfahrung und zahllosen Verhandlungen genau kannte.
Unter Bedeckung eines Zuges verließ ich schon nach acht Tagen Windhuk. Auf dem mehrtägigen Ritt nach Rehoboth machten sich die ersten Anzeichen der Regenperiode bemerkbar. An dem sonst immer strahlend blauen Himmel ballten sich plötzlich Wolken zusammen, und ab und zu grollte der Donner aus der Feme. An Stelle der gewohnten Abendkühle herrschte drückende Schwüle. Einzelne Blitze zucken aus der Wolkenwand. Aus einmal entladet sich die unerträgliche Spannung der Natur in einem Trommelfeuer von Blitz und Donner. Gewaltige Wassermassen prasseln auf die durstende Erde nieder. Das Tropengewitter ist ein Schauspiel von grandioser Pracht.
Der erste Regen wirkt Wunder. Fast über Nacht kommen Gräser und Blumen hervor, und allerlei Getier kriecht aus der Erde: Tausendfüßer, Schildkröten, Skorpione, Eidechsen. Auch in einen Heuschreckenschwarm sind wir hineingeraten. Mein Hund Moritz stellte sich wie verrückt an. Er biß wild um sich und drehte sich schließlich wie ein Brummkreisel um sich selber, nach allen Seiten gegen die kleinen Flieger schnappend. So etwas war ihm in seiner mecklenburgischen Heimat noch nicht vorgekommen. Kurz vor Rehoboth schoß ich einen Adler. Ein Bastard hat ihn mir präpariert.
Ansang November traf ich mit Leutwein in Rehoboth zusammen. Er erzählte mir sehr interessant von meinem neuen Gegner, dem Hottentottenkapitän Witboi, der die Seele des AufstandeS war.
Hendrik Witboi war damals achtzig Jahre alt, ein kleiner, untersetzter Mann, von nichts weniger als imponierender Erscheinung. Trotzdem war er ein geborener Führer durch seine unbeugsame Willenskraft und eine eigentümliche Mischung von fanatischer Religiosität und weltlicher Herrschsucht.
Mit diesem Mann hatte Leutwein im September 1894 einen Schutzvertrag abgeschlossen, in dem er sich zu unbedingter Heeresfolge verpflichtete. Diesen Vertrag hat der Kapitän zehn Jahre lang treu gehalten. Auch gegen die Hereros am Waterberg kämpften
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