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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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tagsrede höllisch krumm genommen hätte. Und da konnte man doch nicht wissen! Vorsicht war jedenfalls die Mutter der Weisheit. Ich selbst sah aber ruhig der weiteren Entwicklung der Dinge entgegen.

Pferdegetrappel wurde im Torweg hörbar, der Kaiser ritt in den Schloßhof, von zwei Flügeladjutanten begleitet.Deimling", rief er von weitem, als er mich in meiner Tropenuniform mit dem großen, blau umränderten Filzhut erkannte.

Aha, jetzt geht's los", hörte ich noch hinter mir einen lieben Kameraden flüstern, als ich vortrat, um meine Meldung zu machen. Der Kaiser reichte mir vom Pferde herab die Hand, sprach ein paar freundliche Worte und sagte zum Schluß:Sie frühstücken nachher oben bei mir."

Dann nahm der Kaiser die Meldungen der übrigen Herren entgegen. Kaum waren wir wieder allein, da umringten mich die Kameraden, drückten mir die Hand und gratulierten mir zu der allerhöchsten Gnadensonne. Sie hatten es ja gleich gewußt, natürlich!

Ein Flügeladjutant holte mich ins Schloß. Beim Frühstück waren nur der Kaiser, die Kaiserin, die Tochter, Prinzessin Viktoria Luise, spätere Herzogin von Braunschweig, eine Hofdame und ein Adjutant zugegen.

Der Kaiser kam so zu Tisch, wie er vom Pferde gestiegen war, nur hatte er den Paraderock mit einer Litewka vertauscht. Beim Essen ging es sehr einfach zu, nicht viel anders als bei mir zu Hause am Sonntagmittag. Ich mußte viel von Afrika erzählen, von unseren Kämpfen, von Durst und Strapazen. Die Herrschaften waren so liebenswürdige Wirte, daß es mir leid tat, als schon nach sehr kurzer Zeit die Tafel aufgehoben wurde.

Dann nahm mich der Kaiser mit in sein Arbeitszimmer. Wir sprachen ausführlich über die Lage in Südwest, aber mit keinem Wort erwähnte der Kaiser meine Reichstagsrede. Zum Schluß legte er mir die baldige Beendigung des Aufstandes ans Herz, der uns schon so viel Blut und Geld gekostet hätte. Dann entließ er mich mit Segenswünschen für die Truppen.