Ausbooten begonnen werden konnte. Aber auch dann war die Brandung noch unheimlich stark. Der Leichter tanzte an dem Schiff auf und ab, einmal war er tief unten in einem Wellental, bald erschien er auf einem Wellenberg fast in Höhe unseres Decks. Als prominentem Passagier wurde mir die zweifelhafte Ehre zuteil, als erster ausgebootet zu werden. In inniger Umarmung mit einem Kaffeesack mußte ich in dem Kahn warten, bis etwa zo Passagiere ausgeladen waren. Von diesem furchtbaren Schaukeln erfuhr ich erst, wie peinlich die Vorboten einer Seekrankheit sind. Dabei hatte auf dem Pier eine Kompagnie der Schutztruppe Aufstellung genommen, um den neuen Kommandeur zu begrüßen. Während mir der kalte Schweiß auf der Stirne stand, mußte ich die Zähne zusammenbeißen und schritt mit grimmig entschlossenem Gesicht die Front ab. Heilfroh war ich, als Neptun mich ohne ein un- militärisches Opfer aus seinen Klauen ließ.
Am AuSgang des Piers stand ein elegantes Break mit sechs wohlgenährten Schecken bereit, um mich in mein Quartier zu fahren. Aha, Etappe! Mir fielen die abgetriebenen, mageren Pferde ein, mit denen ich vor fünfviertel Jahren gegen die Karrasberge marschiert war. In den nächsten Tagen verstärkte sich der Eindruck, daß in der Etappe sehr wenig feldmäßige Zustände eingerissen waren. In unliebenswürdiger Weise habe ich da Wandel geschaffen.
In Windhuk traf ich mit dem Gouverneur von Lindequift zusammen, einem ausgezeichneten Kenner von Land und Leuten, der mich rückhaltlos unterstützt hat. Um Windhuk herum befanden sich mehrere Gefangenen-Krale, die zur Bewachung zahlreiche Truppen beanspruchten. Ich ließ daher die Gefangenen auf die Haifischinsel bei Lüderitzbucht abschieben, wo ein Maschinengewehr auf der Verbindungöbrücke vollkommen ausreichte.
Nach einer Woche ging ich nach Keetmanshoop, wo mein Stellvertreter, Oberst Dame, sein Hauptquartier hatte. Über die Zeit in Windhuk wird am besten der Brief eines mir unbekannten Einwohners orientieren, der am 14. August 1906 in der „Täglichen Rundschau" veröffentlicht wurde:
„Als die Kunde von Deimlings Auftreten im Reichstag nach Südwest kam, empfand man es allgemein als unnötige Herausforderung und war geneigt, ihm die ganze Schuld für das
ö Deimling, Zeit
113