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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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jeder Art von Wassersport trafen, die von der bedenklichen Parole begeistert waren: Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser. Voraussetzung für die Teilnahme war allerdings das nötige Klein­geld, denn bei derKieler Woche" ging es hoch her. Jedenfalls habe ich auf derOceana", dem Gaftschiff der Hamburg-Amerika- Linie, diesen Eindruck gewonnen.

Auf diesem Dampfer waren weit über hundert Gäste, meist bekannte Namen des Flotten- und Kolonialvereins mit ihren Damen untergebracht. Staatssekretär Dernburg mit Gattin war da, Rathenau Vater und Sohn, die Frau des Kriegsministers von Einem mit Tochter, der Abgeordnete vr. Semler mit Töchtern, Graf und Gräfin Ieppelin-Aschhausen und noch viele andere.

Ein buntes, aber auch anstrengendes Gesellschaftsleben ent­wickelte sich, feierliche Mahlzeiten mit endlosen Menüs, Segel- oder Motorbootpartien und Landausflüge in die Umgebung der reizvollen Kieler Bucht. Abends zum Diner war das Schiff in eine Flut von elektrischem Licht getaucht und in einen Blumengarten von aus­erlesener Pracht verwandelt, die Damen in großer Toilette, die Herren im Frack oder in Uniform. Nach dem Essen wurde an Bord zu den Klängen einer Matrosenkapelle getanzt. Als Tänzer er­schienen die Marineleutnants von den Kriegsschiffen in ihren schmucken Uniformen. Kurz, es war eine Aufmachung, die den ganzen aufdringlichen Glanz der damaligen Zeit widerspiegelte.

Einmal kam auch der Kaiser von seiner weißen JachtHohen- zollern" auf dieOceana" und mischte sich unter die Gäste. Ein andermal lud er eine Anzahl Herren von derOceana" auf die Hohen;ollern" ein, darunter auch mich. Dann folgte ein Ball im Kieler Schloß beim Prinzen Heinrich, dem passionierten Förderer des Automobil- und Flugsports, und jeden Tag sorgten mehrere Bordfeste auf den Kriegsschiffen für die Tanzlust der Damen.

Auf die Gefahr hin, undankbar gegen meinen verdienten und ungewöhnlich klugen Gastgeber Ballin zu erscheinen, muß ich der Wahrheit die Ehre geben und bekennen, daß ich herzlich froh war, als die Kieler Woche ein Ende hatte. Den ganzen Tag frühstücken und dinieren, Süßholz raspeln und flirten, das war mir auf die Dauer zu viel. Auf der afrikanischenPad" hatte ich mich wohler gefühlt. Dieser gesellschaftliche Glanz unter den blaugrauen

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