Koloniale Tätigkeit erfordert ungeheure Kapitalien, wenn sie für die Auswanderung eine praktische, nicht nur propagandistische Rolle spielen soll. Noch auf geraume Zeit hinaus ist aber Deutschland auf die Einfuhr ausländischen Kapitals angewiesen, um die heimische Wirtschaft bis zur Kapitalbildung aus eigener Kraft über Wasser zu halten. Mit geborgtem Geld aber können wir nicht eine fruchtbare Kolonialpolitik treiben, und vor allem dürfen wir dem deutschen Volk keine neuen Lasten aufbürden in einer Zeit, wo rigoroser Abbau der bestehenden Lasten ein Akt der Selbsterhaltung ist.
Auch in politischer Hinsicht habe ich gegen die Wiederaufnahme kolonialer Abenteuer die ernstesten Bedenken. Wir sehen, wie die farbigen Völker, ob es Chinesen, Ägypter, Inder oder Neger sind, sich der Führung und Ausbeutung durch die Weißen immer zielbewußter zu entziehen wissen. „Afrika den Afrikanern" ist auf dem Kongreß der farbigen Völker, der 1927 in Brüssel tagte, zu einer leidenschaftlich aufgenommenen Parole erhoben worden. Das Kolonialzeitalter hat sich überlebt. Wir haben das Recht der Selbstbestimmung der Völker auf unseren Schild erhoben und dürfen bei dieser Forderung keine Unterschiede nach der Hautfarbe machen. Das Erwachen der farbigen Völker zu politischen Staatsgebilden muß zwangsläufig in nicht allzu ferner Zeit zu Zusammenstößen mit den weißen Eindringlingen führen. Es kann aber unmöglich im Interesse Deutschlands liegen, sich in diese Auseinandersetzungen hineinzudrängen. Je freier wir uns von solchen außenpolitischen Bindungen halten, um so besser werden wir alle Kraft auf den inneren Wiederaufbau konzentrieren können.
Der Verzicht auf Kolonien darf aber keine wirtschaftspolitische Resignation bedeuten. Mit aller Energie müssen wir auf volle wirtschaftliche Gleichberechtigung in fremden Kolonien für Rohstoffbezug und Absatz unserer industriellen Erzeugnisse, für Handel und Schiffahrt dringen. Freiheit der Auswanderung nach den Brachländern der Erde, Abbau der Zölle und aller politischen Hemmnisse eines gesunden Warenaustauschs sind Forderungen, die im Interesse unseres Landes liegen und deren Erfüllung zugleich die beste Garantie für Frieden und Wohlstand in allen Teilen der Erde gewährt.
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