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Frankreich große Erregung hervorgerufen. Am 21. Juli hielt der britische Schatzkanzler Lloyd George in London eine Rede, in der er von der Antastung der britischen Nationalehre sprach und unmißverständlich mit dem Krieg drohte, falls „England im Rate der Völker zur Seite geschoben werde". Die Wogen beruhigten sich langsam wieder, aber eö hatte sich gezeigt, daß Großbritannien sich bis zur letzten Konsequenz für Frankreich einzusetzen bereit war.
Das Ende des kriegerischen Liedes war ein Abkommen zwischen Berlin und Paris, auf Grund dessen Deutschland ein Stück des französischen Kongo von recht zweifelhaftem Wert als Abrun- dung für seine Kolonie Kamerun erhielt, während es seinerseits jeder Einmischung in Marokko entsagte. Ganz wohl war man sich in der Wilhelmstraße nicht bei diesem teuer erkauften Scheinerfolg.
Aber nicht nur politisch, sondern auch militärisch hatte sich die Lage mehr und mehr zugespitzt.
In Frankreich berauschten sich die chauvinistischen Kreise an den Leistungen der Militärflieger, die unserer Fliegerei organisatorisch und technisch weit voraus waren. Im Herbst 1911 verbrachte ich einen zweiwöchigen Urlaub in Paris und konnte mich selbst von dem intensiven Flugbetrieb in der Umgebung der Hauptstadt überzeugen. Die französischen Militärs sahen in der „vierten Waffe" neben Infanterie, Artillerie und Kavallerie, der Fliegerei, das unfehlbare Mittel zum Sieg. In den Zeitungen erregten immer neue Aufsätze die öffentliche Meinung, in denen die Überlegenheit der französischen Armee über die deutsche nachgewiesen wurde.
Auch Rußland hatte nach dem unglücklichen Feldzug gegen Japan seine Armee gründlich reorganisiert, sie mit einem modemen Feldgeschütz und schwerer Artillerie ausgerüstet und zudem mit französischem Geld sein strategisches Eisenbahnnetz so ausgebaut, daß sich der Aufmarsch seiner Armeen an der deutsch-österreichischen Grenze in der halben Zeit gegen früher vollziehen konnte.
Zudem war unserem Nachrichtendienst nicht verborgen geblieben, daß der englische Generalstab mit dem französischen umfassende Vorbereitungen für das Zusammenwirken der beiden Landheere getroffen hatte. Mit schwerster Sorge sah die militärische Führung der politischen Einkreisung Deutschlands die strategische folgen.
Im Herbst 1911 habe ich bei der Einweihung der neuen Freiburger
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