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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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die Stimmung richtig wiederzugeben schien. Unter anderem hieß es da:

Außer dem verhältnismäßig kleinen Kreise, dem um Wetterls und Konsorten, gibt es wohl wenig Elsaß-Lothringer, die für die Rückkehr zu Frankreich schwärmen. Es lassen sich aber die Vielen von den Wenigen terrorisieren. Das wäre aber nicht möglich, wenn nicht in der geistigen Wesenheit des elsaß-lothringischen Volkes die Nei­gung zum mindesten zu Stimmungen vorhanden wäre, die es jenen Aposteln deö französischen Gedankens ermöglichte, im Lande eine politische Rolle zu spielen... Es lastet auf der Seele Elsaß-Loth- ringenS so viel Ballast, den die Geschichte ihr aufgeladen hat, daß es nicht wundernehmen kann, wenn es ihr schwer fällt, sich von ihm zu befreien. Darunter leidet sie, sie möchte ganz gerne frei sein, sie sucht auch nach dem Wege, aber sie kann ihn nicht recht finden, weil sie in sich selber die Unklarheit trägt. Es ist ein Kampf um seine eigene Seele, den Elsaß-Lothringen heute aussieht. Dieses ist noch heute in sich gespalten, nicht nur so, daß grundsätzliche Schwierig­keiten dem Verständnis der einzelnen Menschen untereinander im Wege stehen, sondern, was weit tiefer greift, im einzelnen Menschen selber. Man fühlt sich vielem verwandt, was französisch ist."

Druck erzeugt Gegendruck. Es war nur natürlich, daß die chau­vinistische Hetze gegen das Deutschtum den Nationalismus der Altdeutschen auslöste und besonderen Widerhall im Offizierkorps fand, das zum großen Teil mit seinen preußischen Auffassungen den Dingen ohne Verständnis gegenüberstand.

Aus diesem heißen Boden erwuchs derFall Zabern", aus der schnoddrigen Unbedachtsamkeit eines zwanzigjährigen Leutnants wurde ein politisches Ereignis von internationaler Bedeutung, das dem deutschen Ansehen schweren Schaden gebracht hat. Ein an sich unbedeutender und nur durch eine Summe verhängnisvoller Un­geschicklichkeiten bedeutsamer Vorgang genügte, um vor dem großen Hintergrund der deutsch-französischen Spannung die stille Rivalität zwischen Militär und zivilen Behörden zu einer wenig ruhmvollen Schaustellung herauszufordern, die von einem schadenfrohen aus­ländischen Parkett als Tragikomödie des preußischen Militarismus verspottet wurde.

Über denFall Jabern" ist seinerzeit soviel Wahres und Falsches,

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