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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Brigade des Generals Ludendorff, der damals in meinem Korps Brigadekommandeur war. Seine Regimenter schnitten hervor­ragend ab.

Noch am 28. Juli hielt ich in Bitsch das Kaiserpreisschießen mit den acht besten Kompagnien meines Korps ab. Allerdings war mir dabei nicht mehr so recht geheuer. Allerlei unkontrollierbare Nach­richten von französischen Kriegsvorbereitungen kamen über die Grenze, deren Träger kleine Händler, Reisende und Agenten waren. So sollten die Urlauber zurückgerufen sein, Pferdeankäufe fänden durch das Militär statt, und die Grenze würde viel schärfer als bisher bewacht.

Erst im Laufe des nächsten Tages trafen die ersten Weisungen von Berlin ein: Rückberufung der Urlauber, Bewachung der Eisen­bahnbrücken und Tunnels und Ausbau von Armierungsstellungen in den Festungsbereichen. Am zo. Juli ließ ich Offizierspatrouillen der Kavallerie und Radfahrer in die Vogesen vorschieben, zur Beob­achtung der wichtigsten Anmarschwege. Am zi. Juli nachmittags um 2 Uhr traf dann das Telegramm des Kriegsministeriums ein: Drohende Kriegsgefahr". Das bedeutete den Kriegszustand für das Reichsgebiet und sofortige Aufstellung des Grenzschutzes. Ich hatte schon in der Nacht vorher die hierfür bestimmten Bataillone hinter ihre Sicherungsabschnitte transportieren lassen.

Der Zeiger der Weltuhr stand auf eine Minute vor zwölf. Wo war der Mann, der das Schlagwerk noch anhalten konnte! Der Weltfriede hing an einem Spinnenfaden.

In Straßburg herrschte an diesem Abend reges Leben. Eine große Menschenmenge drängte sich auf dem Broglie- und dem Kleber­platz. Die Stimmung war ernst. Umlagert waren die Hauptwache und die Litfaßsäulen, an denen ein Aufruf des Gouverneurs für den Festungsbereich angeschlagen war. Aus der Fülle der Verordnungen und Verbote berührte die Straßburger am schmerzlichsten, daß die Wirtshäuser schon um zehn Uhr abends schließen mußten.

Am Nachmittag des nächsten Tages, des 1. August, saß ich an meinem Schreibtisch im Generalkommando über der Karte, in die der Aufmarsch unseres Grenzschutzes eingezeichnet war. Ein hartes Pochen an der Tür ließ mich auffahren. Ein Telegrafenbote hatte eine Depesche an mich persönlich abzugeben. Ein alter Mann trat

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