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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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herein und stellte sich militärisch vor mir auf. Seine Hand zitterte, als er mir die Depesche mit den Worten übergab:Gott schütze unser Vaterland!" Dabei traten ihm die Tränen in die Augen. Wortlos schüttelten wir uns die Hand.Mobilmachung befohlen. Erster Mobilmachungstag 2. August", war der kurze, schicksalsschwere Inhalt des Telegramms.

Ich war tief ergriffen. Als alter Soldat sah ich die furchtbare Überlegenheit der Feinde an Zahl klar, kannte auch die Schwächen und Mängel der eigenen Rüstung, und die bange Frage stieg in mir auf, ob wir gegen die Übermacht bestehen könnten.

Da erklang vom Broglie her Marschmusik. Mit der Melodie Haltet aus, haltet aus im Sturmgebraus" kam es näher und näher. Ein Bataillon war'S, das, von einer großen Menschenmenge begleitet, nach seiner Kaserne marschierte. Ich trat auf den Balkon. Der alte historische Broglie, auf dem schon die römischen Legionäre vor ihrem Prätor vorbeidefilierten, hallte wider von dem Gleich­schritt der Kompagnien. Es war ein Bild voll Kraft und Zuversicht. Brave, unvergeßliche Truppen!

Ich war mir klar darüber, daß die Gewehre von selbst losgehen mußten, wenn sich nach mehr als 4«jährigem Frieden die Gegner auf nächste Entfernung beiderseits der Grenze gegenüberstehen würden. Den Anfang machten die Franzosen. Obwohl bei ihnen angeordnet war, daß der Grenzschutz io km von der Grenze ab­bleiben sollte, stießen stärkere feindliche Patrouillen am Abend des i. August bei Chaume de Lüste und westlich Hochbruck auf deutsches Gebiet vor. In der Nacht griffen dann französische Patrouillen eine Feldwache des Regiments 171 auf dem Hohneck an und drangen bis Mühlbach und Metzeral vor. Stark übertriebene Meldungen kamen nach rückwärts. So sollte schon Münster i. E. vom Feinde erreicht sein. Um nicht die Mobilmachung durch Nervosität der Führung zu gefährden, wurde nur die Reserve der zy. Division (Colmar) bei Jngersheim zusammengezogen. Am 2. August zeigte sich, daß es sich nur um schwachen Feind gehandelt hatte. Trotzdem waren mancher­lei Erschwerungen für die Einkleidung der Reservisten und den Pferdeankauf die Folge dieses kleinen Vorstoßes.

Aber wir mußten ja mit der Möglichkeit rechnen, daß der Gegner durch raschen Handstreich unsere Mobilmachung stören würde.

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