Wie überall, so war auch im Elsaß, und hier vielleicht noch mehr als im Inneren deö Reichs, die Mobilmachungsperiode die Zeit der abenteuerlichsten Gerüchte. Sie schwirrten umher wie Fledermäuse in der Dämmerung. Sie waren plötzlich da, niemand wußte, woher sie kamen. Die wilde Erregung der Gemüter war ein unerschöpflicher Nährboden. Eisenbahnbrücken und Tunnels sollten von Agenten gesprengt, Wasserleitungen vergiftet und ganze Regimenter an der Grenze vernichtet sein. So wurde das Regiment der Garde- dukorps totgesagt, noch ehe eö seine Kaserne in Potsdam verlassen hatte. Besonders aber die Automobile galten als schwer verdächtig.
Ein in Zürich wohnender Reserveoffizier sollte nach seiner Mobilmachungsbestimmung mit seinem eigenen Auto zu meinem Stäbe treten und sich am Z. Mobilmachungstag in Straßburg melden. Der Unglückliche konnte sein Ziel nicht erreichen. Bei Jstein wurde er von badischen Landstürmern in seinem Auto erschossen, als er einen Anruf überhörte.
Als ich selbst eines Tages von Straßburg zum Grenzschutz fuhr, wurde ich gleich hinter der Stadt von einem kriegerischen Doppelposten des Landsturms angehalten: „Halt! Wer da?" „Kommandierender General." „Das kann jeder sagen", schallte es zurück, und ein verdächtiges Geklapper an Gewehrschlössern ließ mich darum aufhorchen, weil die braven Herren mit dem Mechanismus noch nicht sehr vertraut sein konnten. Ich kletterte aus dem Wagen und ging auf die Posten zu, die mich jetzt endlich erkannten. Eifrig suchten sie ihre Gewehre zu sichern. Ich war mir der Gefahr des Augenblicks bewußt und richtig: „peng!" ging dabei ein Schuß los, der mir direkt am Ohr vorbeizischte. Noch ehe sich der Posten von seinem Schreck erholt hatte, war ich weitergefahren.
Neben den Autos nahm sich die erregte Phantasie mit Vorliebe die Abbes aufs Korn. In einer der ersten Augustnächte wurde ich durch ein wahnsinniges Geschieße auf dem Broglie geweckt. Ich schickte eine Ordonnanz hinunter, um festzustellen, was diese Muni- tionöverschwendung bedeute. Der Mann meldete mir nach einiger Zeit mit ernstem Gesicht, Patrouillen hätten das Dach des Gouvernements unter Feuer genommen, weil ein Abbe versucht habe, dort in den Schornstein hineinzukriechen, um sich geheime Akten anzueignen. In Wahrheit handelte es sich um keinen Pater, sondern um
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