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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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starke Kräfte als Staffel hinter den rechten Heeresflügel verschoben werden können.

Statt dessen drängte die Oberste Heeresleitung auf eine Ver­folgung in südlicher Richtung, die im Erfolg zweifelhaft sein mußte und bei den Schwierigkeiten des Geländes rasche Operationen ausschloß.

In den ewig schwankenden Entschlüssen der obersten Leitung, die in der ersten Zeit Erfolge und Mißerfolge in gleicher Weise über­schätzte, war während der Vogesenkämpfe zuletzt auch der Gedanke eines Durchbruchs der 6. und 7. Armee zwischen Nancy und Epinal erwogen worden. Mit beiden Flügeln des deutschen Westheeres sollten so die Franzosen völlig eingekreist werden. Das war ein Cannä-Gedanke, der noch über den Schlieffenplan hinausging. Schliessen hätte nie seine Einwilligung zu der Neutralitäts­verletzung Belgiens gegeben, wenn er einen Durchbruch durch die französischen Sperrfestungen in raschem Vorwärtsstürmen für möglich gehalten hätte. Was der Obersten Heeresleitung in ihrer mangelnden Entschlußfähigkeit vorschwebte, das war der Wunsch pedantischer Ängstlichkeit, überallstark zu sein. Aber die großen Feldherren der Geschichte waren auch keine Hasardeure, sondern ernste, verantwortungsbewußte Männer, die nach reiflicher Über­legung einen kühnen Entschluß faßten, dann aber auch den letzten Mann heranholten, um bei der Entscheidungsschlacht stark zu sein. So blieben acht Armeekorps ausgezeichneter deutscher Truppen auf diesem Nebenkriegsschauplatz festgehalten, während an der Marne um die Entscheidung gerungen wurde.

Das deutsche Heer, wohl an Schulung und Kampfkraft das beste, das die Kriegsgeschichte kennt, mußte sich in der Schicksals­stunde Deutschlands verbluten, ohne einen Feldherrn zu haben.