Dokument 
Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
Seite
193
Einzelbild herunterladen

niedergeht. Eines der ersten Schrapnells jagt mir eine Kugel in die linke Hüfte und wirft mich der Länge nach zu Boden. Ununter­brochen fegen dann die Granaten von Ppern her die Chaussee entlang, die in wenigen Sekunden menschenleer daliegt. Mühsam schleppe ich mich in einen flachen Graben neben der Straße, der sich rasch bevölkert. Einträchtig neben- und übereinander liegen wir eine gute Viertelstunde in dem feuchten Loch auf dem Bauch. Mit der Hand fühlte ich, wie mir das Blut durch den Uniformrock sickert. Endlich sucht sich die feindliche Artillerie ein anderes Ziel. Ein Sergeant bietet mir seine Hilfe an und stützt mich beim Gehen auf dem kurzen Weg zum Verbandsplatz, der in einem von Granaten zerfetzten Haus errichtet ist. Die Stube ist überfüllt von Ver­wundeten; Stöhnen und Schreien um mich. Heiseres Röcheln von Sterbenden! Immer neue blutige Klumpen von Menschen werden auf Bahren durch die niedere Tür hineingetragen. Mit unerschütter­licher Ruhe waltet ein bayrischer Stabsarzt seines Amtes. Alle paar Minuten schlägt eine neue Granate in daS Gehöft ein und läßt den Kalk von Wänden und Decke spritzen. In irrsinniger Angst schreien Verwundete auf. Mit einem kurzen, forschenden Blick erkennt mich der Arzt.

Ich warte, bis ich an der Reihe bin", sage ich leise. Nur mit den Augen dankt er mir und schneidet weiter, gibt Spritzen, verbindet, ist grob, spricht Mut zu. Er ist ganz erfüllt von seiner Mission, zu retten, was der Krieg noch zu retten läßt. Dann bekomme auch ich einen Notverband.

Ein Auto bringt mich, zusammen mit dem ebenfalls ver­wundeten Kommandeur der Artillerie-Brigade, durch einen Hagel englischer Schrapnells nach Wervicq, wo mein Generalkommando in Quartier liegt. Der Korpsgeneralarzt nimmt sich zusammen mit dem berühmten Chirurgen Dr. Sauerbruch meiner liebevoll an. Die Schrapnellkugel steckt zwar noch in der Hüfte, aber das kann ihr vor Sauerbruchs Pinzetten nichts nützen. Man steckt mich in meinem Quartier ins Bett. Gegen Mittag erhalte ich die Nachricht, daß die zo. Division Gheluvelt genommen hat und die zy. Division in fortschreitendem Angriff gegen Iillebeke ist.

Aus einmal ertönt auf der Straße das Autosignal:Tati- tata!" Mein Bursche, keineswegs eine Krankenschwester von Natur,

13 Deimling, Zeit

193